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Norwegen - Schweden

10. bis 13. September – Oslo – Karlstad oder warum Monika sich im erfolglosen «Fliegenfischen einhändig» geübt hat

Es ist nicht so, dass wir uns auf die Fahrt durch Schweden nach Göteborg freuen wie auf ein Highlight in Norwegen. Eigentlich haben wir wenig Vorstellungen, auf was wir uns einlassen. Wir merken nur, dass es allmählich kalt (in der Nacht auch mal 2°C…) wird und sehen im Wetterbericht unbeständiges Wetter für die nächsten Tage. Trotzdem verwerfen wir die Option Fähre von Oslo nach Kiel und fahren los. Das Navi führt uns kreuz und quer durch die Stadt bis wir irgendeinmal bei einer Veloroute einfädeln, der wir ein gutes Stück folgen. Der erste Teil der Strecke ist von Industrie geprägt und entsprechend ist es mehr ein Kilometerfressen als ein landschaftlicher Genuss. Erst nach Bjørkelangen treffen wir auf eine wunderschöne Waldstrasse, die uns fast bis zum als Tagesziel auserkorenen Camping bringt.

Mittagsrast am schönen See bei Björkelangen

Dort angekommen finden wir eine leere Rezeption vor. Das ist nicht ungewöhnlich, deshalb rufen wir die angeschriebene Nummer an und erklären unsere Situation. Nachdem wir drei mal bestätigt haben, dass wir wirklich mit dem Zelt da seien, sagt der Campingwart, er «komme runter». Es dauert ein paar Minuten, da kommt ein Auto die Schotterstrasse zum Camping heruntergerast. Er inspiziert uns und vor allem unsere Fahrräder ziemlich genau und sagt dann «follow me!». Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, weil der Campingplatz sehr weitläufig ist und er die Geschwindigkeit von der Zufahrt zum Platz auch innerhalb der Schranken beibehält. Tinu nimmt die Verfolgung auf und es gelingt ihm den Abstand mindestens auf Sichtdistanz zu halten. Als das Auto hält und wir eine gefühlte Ewigkeit später aufgeholt haben, stehen wir auf einer Wiese am Ufer eines schönen Sees! Einen tollen Platz haben wir erhalten! Mit Karte bezahlen geht nicht. Wir geben ihm unser letztes norwegisches Bargeld (was eigentlich zu wenig ist, «ist aber egal, die Saison ist eh durch.») und alle sind zufrieden.

Am nächsten Morgen starten wir Richtung Schweden. Wir haben uns eine Route über die Grenze abseits der grossen Strassen ausgesucht und sind gespannt, wie wir in das für uns beide neue Land kommen. Zu Beginn fahren wir auf einer Teerstrasse immer ansteigend durch einen wunderschönen Wald. Die erste mögliche Abzweigung (eine vermeintliche Abkürzung) geben wir nach 50 Metern auf: im Schotter schwimmen wir mehr hin und her als das wir vorwärts kommen. So hoffen wir auf die etwas weniger kurze Alternative zum selben Grenzpunkt. Auch diese Strasse ist geschottert aber ganz gut zu fahren. Weiterhin fahren wir durch schöne Wälder und die «Achtung Elch»-Schilder lassen uns mehr auf eine Begegnung hoffen als dass wir angst haben vor einer Kollision. Nach einigen Kilometern erreichen wir die Grenze. Ein Willkommen-in-Schweden-Schild, mehr nicht. Keine COVID-Kontrolle, kein*e Grenzbeamte*r. Einige Tage später werden wir von einem Schweden erfahren, dass wir die sogenannte «alte Schmugglerroute» gefahren sind. Wir geniessen unsere ersten Schweden-Kilometer durch schöne Landschaft.

Die Etappe zieht sich hin und das Wetter wird von wunderschön zu grau-windig und einige Kilometer vor dem Ziel beginnt es stark zu regnen. Parallel zur Wetterkurve verläuft die Motivation bei Tinu. Vor dem Camping (wir haben uns mehrfach versichert und alle Quellen sagten aus, dass er geöffnet sei) fahren wir auf einer grosse Strasse. Der Verkehr nervt! Der Regen nervt! Schweden nervt! Es lebe die Oslo-Kiel-Fähre! Stimmungstiefpunkt. Noch nicht: Wir kommen beim Camping an. Kein Mensch weit und breit! Nach einer Weile kommt ein Golfwagen mit einer Frau, die auf uns zu kommt. Sie spricht kein Englisch, wir kein Schwedisch. Wir machen klar, dass wir Zelten wollen. Sie macht uns klar, dass der Camping für Zelte geschlossen sei. Wir zeigen auf den Tarifplan an der Tür, auf dem es bis Ende September Tarife für Zelte gibt. Sie ist ähnlich ratlos wie wir. Glücklich sehen wir einem zweiten Golfwagen entgegen, der auf uns zu fährt. Aber auch dieser Fahrer gehört zum Bewirtschaftungspersonal. Und auch er spricht kein Englisch. Die beiden machen uns klar, dass die Rezeption geschlossen und der Manager weit weg ist, der zweite Golfwagenfahrer telefoniert aber mit ihm. Der Manager lässt ausrichten, dass wir für 200 schwedische Kronen unser Zelt aufstellen können. Zudem brauchen wir 10-Kronen-Stücke, um zu duschen. Wir machen ihnen klar, dass wir kein Bargeld haben. Nun sind vier Personen ratlos. Wir ziehen uns zurück. Der nächste Geldautomat ist etwa 8 Kilometer entfernt und es regnet nach wie vor stark. Der Fahrer des zweiten Golfwagens kommt auf uns zu und sagt, wir sollen unser Zelt einfach aufstellen und nichts bezahlen, für das Duschen müssen wir aber Münzen auftreiben. Wir sind sicher, dass er damit gegen die Anweisung des Managers handelt und sind ihm sehr dankbar. Wir bauen unser Zelt auf. Es ist immer noch früh am Nachmittag, wir verschwinden im Zelt, hören dem Regen zu und blasen Trübsal. Weil auf der Homepage neben Öffnungszeihen auch etwas von einem geöffneten Shop stand, haben wir nichts eingekauft. Die Notration (Chicken Tikka Masala, gefriergetrocknet und vakuumverpackt) wäre die eine Option. Je 8 Kilometer nach Charlottenberg hin und zurück fahren, die andere. Weil der Regen aufhört, entscheiden wir uns für die zweite. So lässt sich auch das Dusch-Münzen-Problem lösen.
Also schwingen wir uns noch einmal in die Sättel und fahren los. Die Strasse ist stark befahren. Schon nach wenigen Metern überholt uns ein LKW trotz Gegenverkehr. Der Schreck sitzt und das Weiterfahren ist nicht gerade angenehm. Etwas weiter überholt uns ein anderes Fahrzeug sehr knapp, ohne dass dazu irgend ein Anlass gewesen wäre (gute Sicht, kein Gegenverkehr). Nun reicht es uns. Wir lassen unserem Ärger freien Lauf und geben dem Autofahrer oder der Autofahrerin mittels deutlicher Worte und Zeichen zu verstehen, was wir von seiner oder ihrer Fahrweise halten. Es ist im Nachhinein gesehen wohl besser, ist unsere Kommunikation nicht im Auto angekommen…
Als wir am Ziel sind, sind wir nudelfertig und etwas zwischen fasziniert und schockiert über das was wir nun sehen: Ein Einkaufszentrum, wie es in der Schweiz kaum existiert in einem kleinen Dorf, ein riesiger Parkplatz und noch mehr Leute. Google liefert die Erklärung dafür: Das Einkaufszentrum ist auf die Bedürfnisse der benachbarten Norweger*innen ausgelegt. Entsprechend gibt es viel Alkohol (weil massiv billiger als in Norwegen) und keinen Fisch ?weil die Norweger diesen selber haben) zu kaufen. Tatsächlich schleppen viele Besuchende paketweise Bier in ihre Autos mit norwegischen Nummernschildern. Ein Treiben, das uns befremdet. Trotzdem bekommen auch wir, was wir brauchen und machen uns nach einem einmaligen Znacht (einmalig weil wir uns beide nicht erinnern können, wann wir das letzte Mal bei Burger King gegessen haben) auf den Weg zurück der verhassten Strasse entlang zum Campingplatz. Nun scheint der Tagesplaggeist doch etwas Mitleid zu bekommen und wir kommen ohne grosse Schwierigkeiten oder fluchwortwürdigen Szenen zurück zum Camping. Dort setzen wir unsere hart erarbeiteten Münzen ein (Duschen hat kaum je so viel Spass gemacht!) und schlafen innert Kürze ein. Am nächsten Morgen erwachen wir ausgeschlafen. Heute geht die Fahrt zum eigentlichen Grund für die Routenwahl in Schweden: Kullerholmen. Dazu aber später. Zuerst müssen wir überhaupt dorthin kommen und der Weg dorthin führt zwingend über Charlottenberg, wo wir am Vortag widerwillig bereits einmal waren. Es erwartet uns also noch einmal die Strasse mit der wir seit dem Vorabend auf Kriegsfuss stehen. Und tatsächlich kommen die Stimmbänder noch einmal zu Einsatz. Bei Ankunft in Charlottenberg bemerkt Tinu in Norwegenerinnerungen schwelgend, dass – trotz vielen norwegischen Autos – sämtliche Autos oder LKWs, die uns unfreundlich überholten, schwedische Nummernschilder hatten. Nach dem Einkauf für die nächsten paar Tage geht die Fahrt weiter. Die Strasse ist sofort ruhiger und nach kurzer Zeit landschaftlich wunderschön. Viele Wälder und dazwischen immer wieder Seen. Trotz steilen Aufstiegen geniessen wir die Fahrt. Plötzlich mitten im Wald stoppt Monika abrupt: Sie hat ein gelbes Birkenblatt auf dem Waldboden entdeckt – denkt Tinu etwas irritiert. Doch nichts da: Monika hat ein schönes Nest(chen) (die Verniedlichungsform im Klammern wird sich in einem der nächsten Blogeinträge erklären…) mit wunderschönen Eierschwämm(ch)en (dito) gefunden. Ein perfekter Zusatz zu unserem Znacht! Und das obwohl sie perfekt getarnt waren! Hui da hat jemand ein Auge für die Delikatessen!

Kurz darauf erreichen wir den Ängsjön, einer von vielen Seen auf unserer heutigen Etappe und unser Tagesziel – so hoffen wir jedenfalls. Um zu wissen wie es dazu kam, ein kurzer Rückblick: (Gefühlt) lange ist es her, seit wir uns wegen starken Regens entschieden haben einen Tag länger auf dem Camping in einem ausgestorbenen niedersächsischen Dorf zu bleiben. Dabei haben wir den Franko-Leipziger Künstler Florent kennengelernt, der uns den Tipp und den genauen Standort einer einsamen Insel mit gemütlichem Häuschen in Schweden gegeben hat. Und diese Insel ist nun eben auf dem Ängsjön und genau an diesen See fahren wir gerade. Florent meinte, es gebe irgendwo am See ein Ruderboot und dort stehe eine Telefonnummer, die man anrufen könne, um das Häuschen zu reservieren. Also machen wir uns auf die Suche nach einem Boot (davon gibt es an jeder Ecke) und einer Telefonnummer am See, wobei Telefonnummer am See auch für Nadel im Heuhaufen stehen könnte. Wir finden nichts ausser einer Kiste mit Holz auf der Steht «Für Kullerholmen, bitte Transportbehälter zurückbringen». Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass es sich bei Kullerholmen um unser Ziel handelt. So beginnen wir auf gut Glück im Internet zu recherchieren wobei wir auch nach dem Namen Kullerholmen suchen. Tatsächlich stossen wir auf die Homepage des Fischereivereins und dort auf ein Onlinereservierungssystem. Erfreut sehen wir, dass die Hütte heute noch frei ist. Also reservieren wir sie. Die Bedingungen sind einfach: Die Hütte kann gratis für maximal eine Nacht benützt werden. Es muss lediglich ein Fischerpatent für einen Tag gelöst werden. Ein solches kann online mitgelöst werden und kostet 20 Kronen plus 8 Kronen Gebühr (ca. 3 Franken / Euro). So kommen wir also zu unserem ersten Fischerpatent und zu einer Nacht auf «unserer» Insel. Am nächsten Morgen rudern wir zurück an Land und laden das Gepäck wieder vom Boot auf die Fahrräder um. Da merkt Monika, dass sie ein Mail vom Fischereiverein erhalten hat. Wir müssen noch unsere allfälligen Fänge registrieren. Das kann man mittels Onlineformular problemlos machen und dabei sogar angeben, dass man – wie in unserem Fall – nichts gefangen hat. Man muss aber zwingend angeben, wie man es versucht hat. Weil «Zehen ins Wasser und schnell wieder rausziehen, weil es zu kalt ist» keine Option ist, wählt Monika aus den zum Teil skurrilen deutschen Übersetzungen kurzerhand «Fliegenfischen einhändig». Wir sind sicher, dass die Fischereivereinler*innen beeindruckt sein werden!

Nein es gibt keine Helmpflicht beim Rudern in Schweden. Tinu hat nur vergessen ihn auszuziehen…

Als die Fahrräder beladen sind, fahren wir los. Es geht auf einer abgelegenen Schotterstrasse durch schöne Wälder bergab. Traumhaft zu fahren. Und immer wieder werden wir von schönen Seen in ihren Bann gezogen. Spätestens jetzt muss auch Tinu zugeben, dass Schweden doch noch so seinen Reiz haben könnte…

Nach einiger Zeit ruft Tinu «Elch, Elch!». Und Tatsächlich rennen einige Meter vom Weg zwei Elchweibchen (sie hatten jedenfalls kein so imposantes Geweih, waren aber zweifellos Elche) davon. Wir sind von ihrer Grösse beeindruckt und freuen uns über das Naturspektakel.
Noch etwas weiter zweigt die schöne Nebenstrasse in eine etwas grössere und diese noch etwas weiter in eine Nationalstrasse. Dort ist zwar genügend Platz für uns Zweiradfahrende und auch der Verkehr ist ziemlich schwach, die Vorstellung dieser Strasse nun etwa 45 Kilometer bis nach Karlstad zu folgen, reizt dennoch nur wenig. So schauen wir uns auf Komoot nach Alternativen um und finden schöne Nebenstrassen fast ohne Verkehr. So erreichen wir entspannt den Camping in Karlstad, wo wir herzlich begrüsst werden (Monika meinte sogar, die Rezeptionistin habe mit Tinu geflirtet, was dieser allerdings gar nicht bemerkt hat…). Auf einer Karte wird uns die Zeltwiese gezeigt. Es gebe keine Platzzuteilung, wir können unser Zelt einfach auf einer freien Fläche aufstellen. Diese Anweisung überfordert uns. Trotzdem finden wir dann doch noch ein freies Plätzchen:

Wir haben dann doch noch einen Platz gefunden… 😉

Wir beschliessen, zwei Tage in Karlstad zu bleiben. So steht am nächsten Tag Waschen und Frisbeegolf an.

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7. – 10. September – Oslo zum Zweiten oder Ausharren für unsere demokratischen Pflichten

Nach ziemlich genau vier Wochen sind wir zurück in Oslo. Beim ersten Besuch haben wir von der Stadt noch nicht allzu viel gesehen, da damals die Reparatur unserer Räder Vorrang hatte. Für den zweiten Besuch haben wir für zwei Nächte ein Hotel gebucht. Wir brauchen eine Adresse in Oslo, weil wir Post aus der Schweiz mit unseren Abstimmungsunterlagen und den Zugtickets, die – man glaubt es kaum – nicht online zugestellt werden können, erwarten. Den Montagvormittag verbringen wir im Waschsalon, wo wir einer Einheimischen mit dem Guthaben unserer Waschsalon-App aushelfen. Während ihre Waschmaschine läuft, macht sie sich auf den Weg, die ca. 6 Franken, die sie uns unbedingt zurückgeben will, als Bargeld aufzutreiben. Bargeld wir in Norwegen nur noch sehr selten gebraucht, deshalb erstaunt es nicht, dass sie nicht einmal diesen eher geringen Betrag im Portemonnaie hat. Am Nachmittag flanieren wir ein bisschen durch die Stadt und Besuchen das Nobel Peace Ceter. Wir erfahren eine Menge über den Friedensnobelpreis und dessen Trägerinnen und Träger. Sehr spannend ist das Portrait über den aktuellen Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, bei dem auch nicht mit Kritik an seiner möglicherweise vorschnellen Wahl zurückgehalten wird. Vor dem Nachtessen darf auch ein Abstecher in den Vigelandsparken nicht fehlen. In der Abendsonne erscheinen die unzähligen Figuren in wunderschönem fast mystischen Licht.

Am Dienstag ist bereits wieder Abreisetag. Monika ist es überhaupt nicht ums Velo fahren, was sie zunächst für sich behält, aber auch Martin macht beim Frühstück nicht vorwärts. Nach einer Weile bemerken wir, dass wir beide keine Lust haben, weiterzuziehen. Wir entscheiden, eine Nacht zu verlängern, egal ob unsere Post nun mittlerweile bei der Rezeption liegt oder nicht. Als wir wenig später nachfragen, ist unser Brief noch nicht eigetroffen. Wir werden langsam ein bisschen ungeduldig, da die Sendungsverfolgung anzeigt, dass er bereits am Sonntag im Verteilzentrum in Oslo eingetroffen ist. Wir verbringen den Morgen mit Blog schreiben und Hörbuch hören. Vor einiger Zeit haben wir beide bereits das Hörbuch «Die Brückenbauer» von Jan Guillou gehört, das Monika nun noch ein zweites Mal hören will. Das Buch handelt von drei norwegischen Brüdern, denen ein Ingenieurstudium ermöglicht wird. Einer von ihnen arbeitet später am Bau der Brücken auf der Eisenbahnstrecke Bergen-Kristiania (Oslo) mit, also an der Strecke, die wir nun über hundert Jahre später mit unseren Rädern befahren. Es macht Spass, diese Geschichte noch einmal zu hören, da wir nun die verschiedenen Orte mit Bildern und Vorstellungen verbinden können. Der zweite Bruder arbeitet an einer Eisenbahnstrecke in Tansania und auch das lässt Monika in Erinnerungen schwelgen. Der dritte Bruder… tja, wir empfehlen, das Buch zu lesen oder zu hören und verraten nicht alles. Es lohnt sich! (Der Spannungsfaktor der weiteren Bücher aus dieser Reihe nimmt dann leider mit steigender Bandnummer ab. Dies ist allerdings unsere persönliche, aber geteilte Meinung.) In der Zwischenzeit kommt übrigens unser Brief an. Nachdem wir unsere Abstimmungsunterlagen ausgefüllt haben, machen wir noch ein bisschen Insel-Hopping. Wir steigen in Oslo auf eine Fähre, auf einer kleinen Insel wieder aus, erkunden diese, steigen auf die nächste oder übernächste Fähre, bei einer Insel wieder aus usw. bis wir wieder in Oslo ankommen.

Jetzt steht noch ein Besuch auf dem Opernhaus an. Ja, du hast richtig gelesen, AUF dem Opernhaus. Das Dach dieses aussergewöhnlichen architektonischen Wunders kann nämlich bestiegen werden. Von oben haben wir eine wunderbare Aussicht über den Hafen. Gerne würden wir unsere Räder hier hinaufschieben und tolle Fotos machen. Obwohl nicht wenige Leute genau dies tun, nehmen wir das «Fahrrad verboten»-Schild ernst und posieren ohne unsere treuen Begleiter ein bisschen.

Zum Abschluss unseres Oslo Aufenthalt will auch Tinu noch ein bisschen in Fernweh-Erinnerungen schwelgen, weshalb wir indisch essen gehen. Obwohl wir englisch begrüsst werden und wir nur englisch kommunizieren, spricht der eine Kellner konsequent norwegisch mit uns. Wir sind bis zum Schluss nicht ganz sicher, ob er nicht bemerkt hat, dass wir eigentlich gar kein norwegisch sprechen.

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19.09.2020 im schwedischen Wald oder warum man nichts mehr von TiMonTour hört

Wer unseren Blog und die absolvierte Strecke vergleicht, hat wohl bemerkt, dass die Blogbeiträge nicht besonders aktuell sind. Das hat seinen guten Grund:

In Schweden fahren wir hauptsächlich durch Wälder. In Wäldern gibt es Pilze. Wir mögen Pilze und verbringen die Zeit statt beim Blogschreiben, beim Pilze suchen und zubereiten.

Bald schon wird es aber wieder Berichte geben…

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3. – 7. September – Geilo – Oslo oder Après-Rallarvegen-Katerstimmung

Obwohl sonnenklar ist, wer von uns den nächsten Beitrag schreiben muss, sucht die Schreiberin 1001 Gründe, warum sie den Bericht nicht schreiben kann. Leider gelten nicht mal die Unwissenheit über Ortsnamen und fehlende Erinnerung an die einzelnen Streckenabschnitte als hinreichende Begründung. Aus diesem Grund macht sie sich etwas widerwillig an die Aufgabe. Sollte jemand zu viele Informationen über Campingplätze und zu wenige über die (mühsame und oft langweilige) gefahrene Strecke empfindet, perlt Kritik an ihr ab, wie der Regen an unserem Zelt.

Nach zwei wundervollen Tagen auf dem Rallarvegen geht es nun zurück Richtung Oslo. Wir haben es nicht sonderlich eilig, denn wir erwarten in Oslo Post aus der Schweiz und diese wir nicht vor Montag eintreffen. Am Donnerstag nehmen wir wieder einmal eine gemütliche Etappe in Angriff, viel mehr bergab als bergauf. Nach ca. 15km auf der Hauptstrasse (wohl gemerkt auf der Nasjonalsykkelrute 4) drehen wir fast durch. Zum Glück findet unser Planungsheld wie so oft eine andere Route («mir chöis mau probiere, aber i weiss haut de nid, obs geit») und wir fahren fern des Verkehrs entlang eines Flüsschens durch den Wald. Hauptstrasse ist dies definitiv nicht mehr.

Irgendwann erreichen wir den Campingplatz in Gol und stehen vor verschlossener Tür – Rezeption bis 16.00 geöffnet. Wir suchen nach einer Telefonnummer, als ein Herr mit Aktentasche erscheint. Er kann uns zwar nicht direkt weiterhelfen, erklärt uns aber, dass der Besitzer jeden Moment erscheinen müsste, da er ein Meeting mit ihm habe. Besagter Besitzer taucht kurze Zeit später tatsächlich auf und wir dürfen unser Zelt irgendwo auf dem wirklich sehr grossen Platz aufstellen und das Finanzielle am Morgen erledigen. Mit dem Zelt sind wir mittlerweile überall die einzigen auf den Campingplätzen, mit den Rädern sowieso und auch sonst treffen wir nur noch auf wenige Urlauber. Wieder einmal sind wir froh, um die grosszügige Küche, denn kurz nachdem unser Zelt steht, beginnt es zu regnen.
Auch am Freitag kommen wir trotz gemütlicher und sehr kurzer Strecke nicht vorwärts, wir hängen mit unseren Gedanken noch beim Rallarvegen. Wir wissen, dass das absolute Highlight nun vorbei ist und die Motivation, trotzdem in die Pedale zu treten, ist nicht sehr gross. Wir landen in Stavn auf einem sehr kleinen Campingplatz. Die freundliche Besitzerin spricht sehr gut deutsch (schliesslich hätte sie normalerweise um diese Jahreszeit sehr viele deutsche Touristen, die auf der Rückreise nach Deutschland bei ihr Halt machen) und wir beschliessen kurzer Hand, eines der ca. 7 Hüttchen für diese Nacht zu mieten. Da wir noch relativ früh dran sind, versuchen wir uns als «richtige Camper» (über die wir uns so oft lustig machen…) zu fühlen, setzen uns auf die Veranda vor unsere Hütte und machen nichts. Das funktioniert nicht allzu lange. So gehen wir noch ein bisschen spazieren, beobachten fasziniert wie zwei kleine Kinder die wirklich sehr interessante Strömung im Fluss und schreiben Blog.

Für einmal bleibt das Zelt eingepackt: Unsere Bleibe in Stavn

Am Samstag ist es uns immer noch nicht ums Fahren und hätten wir nicht bereits unser Hotel in Oslo gebucht, wären wir wohl noch einen Tag in unseren Hüttchen geblieben. Vielleicht hätte es ja dann tatsächlich mal ein Pilzrisotto gegeben… So machen wir uns allerdings an eine wieder einmal norwegisch-flache Strecke und den, wie es uns scheint, krassen Anstieg von knapp 200 Höhenmetern. Tja, wie der Kopf das Empfinden beeinflussen kann… Wir landen in Krødere auf einem Terassen-Campingplatz. Terassen, weil die Stellplätze stufenförmig über dem Krøderenfjord aufragen. Hier gibt es anstelle der Rezeption eine Telefonnummer. Der erstaunte Campingplatzwart kommt umgehend mit seinem Golfplatzwägelchen angebraust. Er meinte sich verhört zu haben, dass wir mit den Fahrrädern unterwegs sind.
Sonntags geht es norwegisch-flach weiter. Wir sammeln wieder etwas mehr Höhenmeter. Nicht zum ersten Mal fragen wir uns, ob die wirklich sehr abwechslungsreichen nationalen Fahrradwege in Norwegen aus diesem Grund so selten befahren werden oder ob das eher an Corona oder dem beginnenden Herbst liegt. An diesem Abend stellen wir unser Zelt in Hokksund umgeben von Wohnmobilen und VW-Bussen auf. Wir merken immer wieder, dass wir als einzige mit Zelt und Fahrrad jeweils auf dem ganzen Platz bekannt sind, sprechen uns doch die unterschiedlichsten Leute an. Oft wollen sie wissen, ob wir denn nicht frieren, es sei ja nun wirklich ziemlich kalt. Nein, tun wir nicht, wir sind ja gut ausgerüstet. Oder sie erzählen uns, dass die Ausrüstung der Wohnmobile gewisser anderer Leute schon nicht mehr so viel mit «Camping» zu tun haben. Wir lächeln dann ein bisschen in uns hinein und behalten unsere Gedanken für uns.
Am Montag erwartet uns die letzte Etappe nach Oslo. Sie hat ein interessantes Höhenprofil – flachflachflach eine grössere Steigung und damit natürlich eine Abfahrt in der Mitte, dann wieder flachflachflach. Da wir in eine Stadt hineinfahren, machen wir uns auf eine eher langweilige Fahrt durch viel Agglomeration gefasst. Da haben wir uns zum Glück getäuscht und es erwartet uns eine abwechslungsreiche Strecke. In Drammen lassen wir uns von einer grossen spiegelnden Kugel beeindrucken, aus der auch noch Musik erklingt. Natürlich ergeben sich da auch ein paar interessante Fotos.

In Asker ca. 20km vor Oslo verfährt sich Tinu und möchte nicht, dass Monika dies bemerkt, dreht deshalb eine Runde um den Dorfplatz um ihn «ihr zu zeigen». Leider scheppert es hinter ihm, weil die Fahrkünste von Monika nachlassen und sie ein Bänkli rammt. Man könnte jetzt auch sagen, es war ein bisschen eng dort, aber das wäre dann ein bisschen nicht wahr. Der Aufprall ist so stark, dass die Halterungen der Hintertasche brechen und die Bialetti (die vermutlich einfach wieder einmal ein bisschen Aufmerksamkeit braucht) einen (kleinen) Schranz in die Tasche reisst. Im nahen Sportgeschäft gibt’s keine Ortlieb-Ersatzteile, deshalb laden wir unser Gepäck um. Die Halterung der einen kleinen Vordertasche montieren wir an die kaputte Hintertasche um, die nun halterlose Vordertasche fixieren wir auf Monikas Gepäckträger und der Packsack von Monikas Gepäckträger kommt bei Tinu auf den Anhänger. Tinu fährt nun mit gefährlich hochbeladenem Anhänger, während Monika sich daran gewöhnen muss, vorne einseitig etwas mehr Gewicht auszubalancieren. Diese Beladung begleitet uns zum Glück nur 15km. Tinu hat bereits zuvor ein Fahrradgeschäft mit Ortlieb-Ersatzteilen gesucht, um die Halterung seiner Lenkertaschen zu ersetzen. Wir erweitern den Einkauf um eine neue Halterung für die Hintertasche und können das Gepäck nun wieder etwas fahrbarer verteilen. So kommen wir doch noch einigermassen wohlbehalten bei unserem Hotel an. Wir sind gespannt, wo wir unsere Räder diesmal verstauen dürfen. Der Rezeptionist meint, die Räder in den Keller, der Anhänger, den er bereits durch das Fenster gesichtet hat, hinter die Rezeption. Vor den ungläubigen Augen einer weiteren Angestellten und einigen Hotelgästen, entladen wir unsere Räder mitten in der Hotellobby, zerlegen den Anhänger in seine Einzelteile und packen ihn in Koffergrösse in den Packsack. Die Räder sind zu gross für den Lift, also tragen wir sie in den Keller und sind froh, dass wir sie morgen nicht schon wieder herauftragen müssen.

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01.09. – 02.09. – Voss – Rallarvegen – Geilo oder wenn ein Ortsname der Etappe den Stempel aufdrückt

Rallarvegen
Im März 1894 beschloss das norwegische Parlament Storting, dass eine Eisenbahnverbindung zwischen Christiania (dem heutigen Oslo) und Bergen gebaut werden solle.
Da die Bahn über die damals weglose Hochfläche der Hardangervidda führen sollte, musste zuerst ein Weg gebaut werden, über den der Transport von Menschen und Material zu den Baustellen möglich war. Dazu wurde der Rallarvegen von den drei Orten Voss, Flåm und Geilo gebaut, der parallel zur danach fertiggestellten Bahntrasse errichtet wurde. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Worten “Rallar” (Bahnarbeiter) und “Veien” (der Weg).
Nach der Eröffnung der Bergenbahn 1909 blieb der Weg bestehen und wurde bis zur Inbetriebnahme der Flåmsbana 1940 von Reisenden als Zugang vom Sognefjord zur Bergenbahn (Bahnhof Myrdal) genutzt.
Er wird heute als Rad- und Wanderweg genutzt.
(Quelle: Wikipedia)

Nachdem all unser Material wieder fahrbereit ist und uns der nationale Wetterdienst ein Schönwetterfenster von zwei Tagen verspricht, fahren wir am Dienstagmorgen in Voss los. Wir wissen, dass uns heute ein happiges Stück Arbeit erwartet: Der Aufstieg von Voss (ca. 50 M.ü.M.) nach Uppsete (ca. 840 M.ü.M.) mit einigen kürzeren oder längeren Abfahrten dazwischen dürfte ganz schön anstrengend werden. Es ergeben sich gemäss Komoot ca. 1100 Höhenmeter auf 44 km. Und dazu kommt, dass Uppsete eine Sackgasse ist. Von dort führt nur ein Zug 5 Minuten durch einen Tunnel nach Myrdal. Und dieser Zug fährt genau zweimal täglich: einmal zwischen 10 und 11 Uhr und einmal um 15:30 Uhr. Wenn wir den zweiten verpassen, müssen wir wohl oder übel in Uppsete übernachten und hätten am Mittwoch Stress, damit es uns am Donnerstag nicht einschneit.
So beginnen wir mit dem Aufstieg. Es fährt sich leicht und wir geniessen die schöne Natur und dass es – Sackgasse sei Dank – kaum Verkehr hat. Kaum Verkehr! Denn wie aus dem Nichts überholt uns ein Kleinbus mit Anhänger. Aus dem vorderen Fenster hängt jemand raus und ruft: „We know you, guys!“ Auf dem Anhänger sind die Raftingboote befestigt und der aus dem Fenster hängende, rufende Mensch war unser spanischer Raftingguide Danny! Schön euch noch einmal wiedergesehen zu haben! „Have Fun!“ rufen wir uns gegenseitig zu und fahren mit einem Lächeln weiter. Bald sehen wir die ersten Schneeberge. Schneeberg bedeutet hier ca. 1200 Meter über Meer. Mit grosser Vorfreude („Morgen sind wir auch dort oben!“) fahren wir weiter.

Einige Kilometer vor Uppsete wird die Teer- zur Schotterstrasse. Wir wissen da noch nicht, dass wir den Schotter bis am nächsten Abend nicht mehr gegen Teer austauschen werden und dass die mit Steinen und Absätzen gespickte „Fahr“bahn und noch fordern wird. Trotzdem kommen wir gut voran. Bei ca. 700 M.ü.M. überschreiten wir – uns immer vor Trollen in Acht nehmend – die Waldgrenze und die Landschaft wird offener und kahler (aber nicht weniger schön!).

Achtung Troll! Ob sie gefährlich wären, wissen wir nicht…

Kurz vor dem Bahnhof Uppsete geht es auf einmal nicht mehr weiter, der Weg ist von unbeeindruckt wiederkäuenden Schafen versperrt:

Doch auch die treten beim Anblick des Anhängerungeheuers müde zur Seite und so können wir durch das Weidegitter zum Bahnhof fahren. Es ist 14:50 Uhr, also ideal, um den Zug zu erwischen!
In einem Blog haben wir gelesen, dass „dem Lokführer mit deutlichen Handzeichen anzuzeigen ist, dass man einsteigen möchte“. So kaspert Tinu auf dem Perron herum, als der Zug in Sichtweite ist und tatsächlich hält er an. Wir steigen ein (fast ebenerdig, gar nicht schlecht für einen Bahnhof irgendwo im Nirgendwo!) und lösen beim Zugbegleiter die Tickets: 86 Kronen für die Menschen, 120 für die Fahrräder… (Der Einfachheit halber rechnen wir jeweils durch 10. Es waren also gut 20 Franken…). Wahrscheinlich wäre es günstiger gekommen, wenn wir die Fahrräder auf einen Sitz gehievt hätten… Die 5 Minuten Tunnel sind schnell durch und wir sind in Myrdal. Die Flåmsbahn lassen wir links liegen (wir haben uns kurz überlegt nach Flåm runter zu fahren und mit dem Zug wieder hoch. Diese Projekt haben wir aber in Anbetracht der hohen Kosten rasch ad acta gelegt. (auch hier ist der Umrechnungskurs einfach: 5 Minuten Tunnel kosten 20 Franken, 40 Minuten Flåmsbahn kosten noch viel mehr zu viel…)). So fahren wir zuerst steil den Schotter runter und schieben auf der anderen Seite wieder hoch zum Berghotel, das wir ebenfalls links liegen lassen. Von da geht es wieder im Sattel zu zwei schönen Seen. Nach dem Kartenstudium sollte es am Ende des zweiten Sees eine zum Zelten geeignete Fläche geben. Tatsächlich sieht es perfekt aus. Etwas verunsichert über ein norwegisches Plakat an einem Zaun (der Handyübersetzer benötigt Internetverbindung und die gibt es hier nicht…), fragen wir bei einem vorbeikommenden Quadfahrer nach, ob wir hier zelten dürfen. Er nickt und fährt weiter. Topp, wir haben einen perfekten Platz gefunden! Nun noch durch das Tor und dann ein schönes Plätzchen suchen, das noch etwas an der Sonne ist. Gesagt getan folgen wir dem Weg in ein lichtes Wäldchen und biegen dann auf einen schmalen Pfad ab. Da gibt es eine perfekte Fläche für unser Zelt. Wir steigen ab und wollen gerade mit dem Abladen beginnen da tönt es aus der Ferne. Was ist das? Plötzlich kommt eine ganze Herde Kühe (jung und alt, Stier und Kuh) gerade auf uns zu gerannt. Sie stoppen kurz vor uns und ein Teil der Tiere umrundet uns mit etwas Distanz. Super, jetzt sind wir von Kühen umzingelt! Ein junger Stier interessiert sich für Tinus Velo und schnüffelt am Vorderrad. Es scheint aber nicht spannend genug, um zu bleiben. So zieht die Gruppe weiter. Uff! Zum Übernachten brauchen wir aber wohl einen anderen Ort… Wir könnten zurückfahren, wo wir am See den einen oder anderen Platz gesehen haben, allerdings müssten wir bereits im Schatten kochen. Oder wir fahren auf gut Glück weiter, obwohl es ab hier steil wird, was gute Stellplätze normalerweise rar macht. Wir entscheiden uns fürs Weiterfahren und nehmen die nächste Steigung in Angriff. Als wir oben sind, rauscht ein Bach direkt am Weg vorbei und etwas weiter vorne gibt es eine perfekte Fläche für unser Zelt. Was für ein Traumplatz! Wir danken heimlich den Kühen und stellen unser Zelt auf. Nach einem eiskalten Bad im Fluss sind wir sauber und geniessen bei Pasta mit Tomatensauce das wunderschöne Abendlicht. Gegen die Mücken gibt es (im Gegensatz zu Kühen) einen guten Spray und so bleiben uns auch diese fern.
Wir haben den wohl schönsten Platz unserer Reise gefunden! Wow!

Am nächsten Morgen nach einer (dank guter Ausrüstung nur ausserhalb der Schlafsäcke) kalten Nacht und einem Bergkaffee aus der Bialetti machen wir uns auf den Weg zur Königsetappe unserer Tour. (Das mag gemessen an der Höhe nicht ganz stimmen – Albula- und Pragelpass waren höher – aber im Rückblick kann nur diese die Königsetappe sein!)

Bialetti-Romantik

Für das nun folgende Worte zu finden, ist nicht ganz einfach. Deshalb lassen wir die Bilder für uns sprechen und ergänzen das eine oder andere zu den Bildern:

Im Aufstieg, kurz nach unserem Schlafplatz
Schnee! Erst mal nur neben dem Weg…
…dann auf dem Weg…
…und dann statt Weg!
Bald sind wir oben!
Sie habens ohne Defekt geschafft! Höchster Punkt des Rallarvegen: 1345 m.ü.M. …
…Wir auch!
Ab“fahrt“ nach dem höchsten Punkt
Obelix hätte seine Freude… (nicht nur er!)
Einfach nur schön!

Ab Finse stossen wir immer mehr auf Zivilisation und fahren – immer noch auf Schotter – weiter Richtung Haugastøl. Der Wind plagt uns meist von vorne und wir spüren die Höhenmeter und den anstrengenden Weg in den Beinen. In Haugastøl gibt es ein Hotel und wir sind schon auf dem Weg zur Rezeption als wir uns kurzfristig entscheiden, die 20 km bis Geilo doch noch zu fahren, was unserer Etappe – mindestens umgangssprachlich gesehen – den idealen Endpunkt geben würde. Es folgen 10 anstrengende, norwegisch flache Kilometer der viel befahrenen Hauptstrasse entlang, bevor es auf 10 abschliessenden Kilometern über 300 Meter nach unten geht. Weil es schon dämmert, setzen wir für letzteres unsere Leuchtwesten und geniessen die schöne Abfahrt. In Geilo angekommen – es ist mittlerweile 19:00 Uhr – finden wir ein kleines unscheinbares Restaurant. Die Burger sind eine positive Überraschung und die Bierberatung ist grandios! Wir sind begeistert!
Nach dem Essen kaufen wir uns etwas zum Frühstück (die Ladenöffungszeiten in Norwegen haben uns schon das eine oder andere Mal zum Denken angeregt: Kaum ein Geschäft schliesst vor 21:00, viele erst um 23:00 Uhr) und fahren zum Camping bei dem wir uns vorher schon über die Öffnungszeiten (Check-in rund um die Uhr, Rezeption bis 22:00) erkundigt haben. Unglaublich müde aber ebenso zufrieden nehmen wir eine Dusche und sind kaum im Schlafsack bereits eingeschlafen.
Diese zwei Tage gehören zum schönsten und eindrücklichsten, was wir erlebt haben!
P.S. Das Plakat am Weidetor haben wir später noch übersetzt. Es heisst: «Weidende Rinder. Bitte in Ruhe lassen!»

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28. – 31. August – Evanger – Voss oder ein Unglück kommt selten allein

Am Freitag entscheiden wir uns also ausnahmsweise etwas früher vom Rad zu steigen und machen beim schnuckligen Minicamping in Mestad kurz vor Evanger Halt. Über diesen Campingplatz haben wir bereits gelesen. Der Besitzer kommt ein- bis zweimal pro Tag vorbei um die Kosten einzuziehen und zu putzen. Verpasst man ihn, gibt es ein Kässeli, in das der sehr faire Beitrag gelegt werden kann. Die Idee gefällt uns und wir bauen unser Zelt auf der kleinen Wiese auf. Das Paar im Wohnmobil, das wenig später auftaucht, findet an dieser Art Campingplatz weniger Gefallen, entscheidet sich aber nach eingehender Diskussion dennoch zu bleiben. Tatsächlich tauchen nun nach und nach noch weitere Gäste auf. Direkt neben unserem Zelt stellt ein Motorradfahrer sein altes Hillebergzelt auf. Natürlich kommen wir da schnell ins Gespräch (wir sind gespannt, ob unser Zelt in 20 Jahren immer noch mit uns unterwegs ist). Der Nachbar heisst Tommy und ist für sechs Wochen mit dem Motorrad in Norwegen unterwegs, immer Richtung Norden, wohin es ihn gerade treibt. Mit Geschichten aus seinem Leben verbringen wir einen unterhaltsamen Abend. Und wer weiss, vielleicht haben wir Comundo dabei eine neue Fachperson vermittelt…


Am Samstag haben wir nur die 25km lange Strecke nach Voss vor uns. Wir lächeln über die Komootmeldung, die Steigung betrage etwas mehr als 300 Höhenmeter, bis jetzt waren es meistens weniger als angegeben. Das Lächeln vergeht uns relativ bald. Nichts da, mit einer schnellen Fahrt nach Voss. Der Velocomputer von Monika zeigt Steigungen bis zu 17% an und für einmal hat Komoot recht gehabt. Unsere Beine sind auf eine entspannte Fahrt eingestellt und so ist die Stimmung auf dieser Strecke Sinnbild für die Stimmung an diesem Wochenende. Beim Zmittag am See in Voss machen wir eine Bestandsaufnahme: Das (vor der Tour neugekaufte) Mätteli von Tinu verliert beständig Luft und die Deichsel des Anhängers ist bereits zum dritten Mal wieder eingerissen (jaja, wir haben nach Dresden auch in Norwegen bereits einen Schweisser aufgesucht). Unseren Plan, den Rallarvegen mit Schotterstrasse und wildcampen zu befahren können wir so vorerst vergessen. Ein Schweisser ist zwar schnell gefunden, aber am Samstagnachmittag lässt sich nichts mehr machen. Wir buchen also gezwungenermassen drei Nächte in Voss und hoffen, dass wir am Montag einen hilfsbereiten Schweisser finden. Das Mätteli flicken können wir auch selber, schliesslich könnten wir auch einen Pneu flicken, wenn wir denn mal einen Platten hätten (klopfklopf). Tatsächlich steigen im See Luftblasen von der Matte auf. Mit dem Flickzeug ist das Loch schnell geflickt. Ein Problem gelöst – denkste! Eine halbe Stunde später hat die Matte bereits wieder Luft verloren. War die Stimmung zuvor gegen Null, ist sie jetzt unter dem Gefrierpunkt.

Die TiMonTour-Hälfte mit dem ganzen Mätteli macht sich auf zum Kochen und freut sich auf ein Mise en place in der topmodernen Campingplatzküche. Aber was ist denn das?! Induktionsplatten auf dem Campingplatz? Zum Glück wurden nicht alle alten Geräte entsorgt, denn das Problem mit den nicht induktionstauglichen, dafür ultraleichten Campingpfannen haben nicht nur wir. Aber auch das Chili con Carne kann die Laune nicht wirklich heben, mittlerweile hat Tinus Mätteli bereits vier Flicken und verliert immer noch Luft.

Das Rascheln, das Monika in der Nacht weckt, stammt allerdings nicht von Tinus Mätteli. Da muss sich irgendein Tier vor oder in unserem Zelt befinden. Wir beobachten gespannt unser Vorzelt. Zwischen den Velotaschen bewegt sich tatsächlich etwas. Kurz darauf streckt ein Igel seine Nase hervor und krabbelt aus dem Gewühl an Packsäcken und Kleidern. Vor Schreck wählt er die falsche Richtung und es kostet uns einige Mühe, ihm das Zelt so zu öffnen, dass er wieder rauskriechen kann.

Für den Sonntag haben wir etwas Abwechslung gebucht. In Voss gibt es unzählige Outdooraktivitäten und da Tinu der Meinung ist, einmal im Leben müsse auch Monika River raften, geht es heute auf den Raundalen-Fluss. Die Sonne zeigt sich noch einmal von ihrer schönsten Seite und die drei Guides sind in bester Stimmung. Ob das am Wetter oder am Sonntagmorgen (oder sogar noch am Samstagabend?) liegt, ist nicht so klar. Wir verbringen einen tollen Vormittag auf und im Fluss und versuchen uns sogar beim Klippenspringen. Dieser Ausflug hat sich definitiv gelohnt.

Zurück auf dem Campingplatz lernen wir ein junges deutsches Paar kennen. Die beiden haben gerade die Schule abgeschlossen und sind nun vier Wochen mit dem Fahrrad unterwegs. Ihre Planungszeit war relativ kurz und die Ausrüstung entsprechend dürftig. Wir staunen und bewundern, wie die beiden unterwegs sind und erinnern uns daran, dass wir auch einmal mit nur vier Taschen unterwegs waren. Auch die beiden werden zurzeit vom Pech verfolgt. Nach einigen platten Reifen und entsprechend Verzögerung, haben sie beschlossen, am Montag mit dem Zug Richtung Oslo zu fahren.
Wir machen uns am Montagmorgen mit unserem Anhänger auf ins Industriegebiet. Nach längerer Suche nach einem Eingang findet Tinu in den Büroräumen einen Mann, der unser Problem sofort versteht. Nachdem wir dem Mann von unserer Reise erzählt haben, meint er grinsend, dass der norwegische Sommer nun vorbei sei. Und damit könnte er recht haben, in der Nacht ist es bedeutend kälter und auch am Tag, wenn die Sonne nicht scheint, brauchen wir eine Schicht Kleidung mehr. Wir lassen unsere Telefonnummer und den Anhänger bei der Werkstatt und hoffen auf eine Nachricht am Nachmittag. Das Wetter ist nämlich der Hauptgrund, weshalb wir am Dienstag unbedingt weiter wollen. Für den Rallarvegen (mehr dazu im nächsten Beitrag) brauchen wir nebst einem intaktem Anhänger auch gutes Wetter und dieses soll noch bis Donnerstagmittag halten. Ah ja und ein Mätteli ohne Löcher wäre auch von Vorteil und weil sich das Löcherflicken weiter als Sisyphos Arbeit erwiesen hat, ist unser nächste Halt ein Sportgeschäft. Wir merken sofort, dass die Sommersaison vorbei ist. Die Auswahl an Matten ist sehr beschränkt und die Verkäuferin wickelt lieber Seile auf, als uns zu beraten. Im zweiten Geschäft haben wir mehr Glück und Tinu schläft von jetzt an hoffentlich nicht mehr auf dem Boden. Hungrig von so viel Shopping decken wir uns mit Lachs und Gemüse ein und hoffen noch im Geschäft, das Bild in unserem Kopf vom Backofen in der Campingküche sei keine Fatamorgana. Wir haben es mit der eingekauften Menge ein bisschen übertrieben und da trifft es sich gut, dass wir auf dem Camping wieder auf das deutsche Pärchen treffen. Weil die Fahrradplätze in ihrem Zug ausgebucht waren, konnten sie nicht nach Oslo fahren und müssen noch eine weitere Nacht in Voss bleiben. Sie kugeln sich vor lachen, als wir ihnen anbieten, mit uns zu essen, da sie schon lange kein solches „Gourmet-Menu und das auf einer Fahrradtour“ mehr gehabt hätten. Und siehe da, Kochen und Essen dient doch noch als gute Laune Medizin. Je länger sich der Nachmittag hinzieht, desto unruhiger werden wir, weil wir noch keine Nachricht von der Schweisserei erhalten haben. Als Tinu anruft, ertönt die Nachricht, dass das Geschäft geschlossen sei. Wir stürzen uns auf unsere Räder und fahren zu der Werkstatt. Vor der Türe steht, wie wir ihn verlassen haben, unser Anhänger. Fast wie wir ihn verlassen haben. Denn die Deichsel ist wieder montiert, der Riss geflickt und sogar der Schnellspanner neu geölt. Weit und breit ist niemand zu sehen und die Türe zum Empfang ist abgeschlossen. Wir sind ein bisschen verunsichert, was wir nun tun sollen, als sich plötzlich ein Fenster öffnet. Der Mann vom Vormittag streckt den Kopf hinaus und fragt, ob mit dem Anhänger etwas nicht in Ordnung sei. Er ist erstaunt, dass wir keine Nachricht erhalten haben, denn er habe diesen Auftrag so in die Werkstatt gegeben. Bezahlung will er allerdings keine, nicht einmal etwas fürs Kafikässeli dürfen wir dort lassen. Wir freuen uns über diese unglaubliche Hilfsbereitschaft. Nun steht dem Rallarvegen nichts mehr im Wege!

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26. – 28. August – Bergen – Evanger oder warum Plastik gesünder ist als Gemüse

Es hat sich so eingependelt, dass wir in grösseren Städten jeweils einen Pausentag einlegen. So kommt es, dass wir kurz nach Stavanger in Bergen schon wieder zwei Nächte bleiben. Auch von Bergen wissen wir nicht viel mehr, als dass es die (selbsternannte?) «regenreichste Stadt der Welt» ist. Es ist je nach Quelle von 200 bis 257 Regentagen pro Jahr die Rede.
Neben einigen Besorgungen (beim Wasserfilter, den wir in den nächsten Tagen brauchen dürften, haben sich die Dichtungen nach Jahren des Nichtgebrauchs verabschiedet), wollen wir ein wenig Sightseeing betreiben und uns langsam konkrete Gedanken über die Rückkehr in die Schweiz machen. Zu letzterem entscheiden wir, dass wir über den Rallarvegen zurück Richtung Oslo fahren wollen. Dann je nach verbleibender Zeit mit der Fähre direkt ab Oslo nach Kiel oder mit dem Fahrrad weiter nach Göteborg und von da auf dem Wasserweg weiter nach Kiel fahren. Ab Kiel sollte es in zwei Fahrradtagen machbar sein, nach Hamburg zu gelangen, wo uns am 26. September der Nachtzug nach Basel erwartet. Am Sonntag, 27. September gegen Mittag fahren wir mit den Velos in zwei Etappen von Basel in unser neues Zuhause nach Oberlindach. Mehr oder weniger trainierte Mitfahrer*innen sind auf diesen zwei Schlussetappen oder auf einem Teil davon herzlich willkommen! Die Route werden wir noch bekannt geben.

Nun aber zurück zu dem, was wir bereits erlebt haben: Bergen zeigt sich uns am velofreien Tag von seiner besten Seite: Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und die bekannten Fotomotive Bergens lassen sich nur all zu gut ablichten.

Wir entscheiden uns, einen Ausflug auf den Fløyen zu machen (in Bern wäre das mit einer Fahrt auf den Hausberg Gurten zu vergleichen…) und essen dort von Wespen umschwärmt zu Mittag.

Der Einkaufstrip ins Sportgeschäft, in dem es von Fahrrädern über Angelausrüstung bis Waffen einfach alles gibt, finden wir auch das Ersatzteil für unseren Wasserfilter. Angesichts der Verpackung ein Teil, nachdem seit Jahrzehnten niemand mehr gesucht hat. Die Gratiskonzerte in der Grieghalle sind leider ausgebucht (schade, Tschaikowsky’s 5. Symphonie hätte mindestens der gerade schreibenden Hälfte von TiMonTour gefallen!) So suchen wir uns ein Restaurant und finden uns vor einer vollbepackten äthiopischen Injera wieder. Afrika in Norwegen, warum nicht!? Am nächsten Morgen fahren wir los. Wir wissen, dass wir am Abend wildcampen müssen (oder dürfen – nicht alle freuen sich gleich darauf) und haben darum für heute kein Tagesziel. Die Route geplant haben wir bis Dale: 75 km und 1770 Höhemeter kündigt Komoot uns an. Wir sind sicher, dass wir das nicht an einem Tag schaffen werden. Dazu kommt, dass es für die Strecke von Trengereid nach Vaksdal keine Veloroute gibt, weil der Autotunnel für Fahrräder gesperrt ist. Wir haben über diese ca. 12 Kilometer lange Zeit recherchiert. Die Quellen sind spärlich. Die offizielle Route hört in Trengereid auf und beginnt in Vaksdal wieder. Für diese Strecke den Zug zu nehmen ist eine Option, auf die wir immer wieder stossen. Ein genialer Kopf betreibt allerdings ein Portal, auf dem sämtliche norwegischen Tunnels aufgelistet sind sowie deren Befahrbarkeit für Fahrräder (verboten, ungeeignet, frei oder nicht dokumentiert). Beim Tunnel, den wir nicht nehmen können/dürfen, finden wir unter Alternativen zum Tunnel folgende Info:

„…oder, auf dein eigenes Risiko, benutze den Raudbergtunnelen und gehe weiter nach Vaksdal via der alten Zugstrecke, welche sehr rau und durch mehrere alte und unbeleuchtete Zugtunnels führt.“

Bevor wir uns aber entscheiden müssen, ob wir uns auf eigenes Risiko ins Abenteuer stürzen oder nicht, müssen wir nach Trengereid kommen. Der Weg führt uns zuerst durch die Agglo von Bergen, an etlichen riesigen Einkaufszentren vorbei und dann auf einer schönen alten Strasse dem Fjord entlang. Bald wird uns klar, dass Komoot für einmal mit den Höhenmetern massiv übertrieben hat (eine prognostizierte Steigung von 21% stellt sich als flacher Abschnitt heraus…). So kommen wir bestens vorwärts und erreichen zur Mittagszeit Trengereid. Wir setzen uns in die Bushaltestelle und verspeisen unseren Lachs, als ein Fahrradfahrer vorbeikommt. Er hält an und wir kommen ins Gespräch. Er sagt uns, dass er die Route durch den alten Eisenbahntunnel nicht kenne, findet aber, wir sollen es doch versuchen. Dann schmeisst er einen grossen, gefüllten Sack in den öffentlichen Abfall. Er meint, er müsse jeden Tag diese Strecke fahren und halte es nicht aus, wie die Leute das wohl schönste Land der Welt so zumüllen können. Deshalb sammle er täglich alles Plastik, das er finde ein und schmeisse es ordentlich weg. Er treffe immer wieder auf Moralapostel, die ihm sagen, es sei wichtig, fünf Portionen Früchte und Gemüse pro Tag zu essen, um gesund zu bleiben. Er sehe das anders: «Pick 5 plastics a day and you start to feel really healthy!». («Sammle 5 Plastik ein pro Tag und du fühlst dich wirklich gesund!») Hut ab vor einer solchen Einstellung! (Gewisse TiMonTour-Elternteile könnten sich an dieser Stelle nun Sorgen über unseren Vitaminhaushalt machen… Wir können beruhigen und versichern, dass wir diese Lebensweisheit ergänzend zu unserem Gemüse- und Früchtekonsum sehen und nicht in Konkurrenz dazu.) Nach diesem spannenden Gespräch fahren wir los. Wir haben uns entschieden, den Versuch zu wagen und uns mit Stirnlampen bewaffnet ins Abenteuer zu stürzen. Nach einem ersten gut zu befahrenden Tunnel, stechen wir auf einen unscheinbaren Weg in den Wald ein und fahren durch hüfthohes Gras Richtung Fjord hinunter. Kurz bevor wir unten sind, ist der Weg ausgewaschen und in den Bach auf der Seite abgebrochen. Gut 20 Meter über Steine und Äste. Zu Fuss kein Problem, aber mit den Fahrrädern und dem ganzen Gepäck?

Tinu geht einmal rekognoszieren, wie es nach der Stelle weitergehen würde. Fazit: bis ca. 15 Meter in den Tunnel rein sollte es kein Problem sein, danach herrscht 1,5 Kilometer Dunkel- und deshalb Ungewissheit.

Wir entscheiden, trotzdem zu gehen und tragen die Fahrräder über Stock und Stein, immer schauend, dass weder Fahrerin noch Gefährt in den Bach abrutschen, zum Tunneleingang.

Dort angekommen werden die Stirnlampen an den Helmen befestigt und wir fahren los. Die Schotter der ehemaligen Bahnstrecke dienen als Fahrunterlage, was das Fahren nicht besonders angenehm macht. So entscheiden wir, die Räder zu schieben. Immer wieder tropft es von oben oder wir müssen tiefere und weniger tiefere Pfützen im Tunnelboden umgehen. Schneller als erwartet sehen wir plötzlich Licht am Ende des Tunnels. Als wir dem Licht immer näher kommen, sehen wir, dass es sich nur um einen Lichtschacht handelt und dass der Weiterweg danach gleich wieder in der Dunkelheit verschwindet. Bevor wir weitergehen bestaunen wir die verrosteten alten Lastwagen, die einfach hier abgestellt wurden.

Nun tauchen wir also wieder in die Dunkelheit… Als nach einer Weile dann noch einmal ein Licht erscheint und näher kommt, sind wir tatsächlich draussen. Das war spannend!

Das Abenteuer ist aber noch nicht zu Ende. Der Weg führt auf dem alten Eisenbahntrassee manchmal durch und manchmal neben alten Tunnels. Manchmal stehen grössere oder kleinere Hürden im Weg, die wir um- oder überfahren müssen und manchmal wird uns beim Blick nach unten zum Fjord mulmig.

Als wir wieder auf der aus dem Autotunnel kommenden Hauptstrasse ankommen, sind wir erleichtert, aber auch froh, das Abenteuer gewagt zu haben.
Der weitere Weg dem Fjord entlang nach Dale führt zu einem grossen Teil der vielbefahrenen Hauptstrasse entlang. Wir sind uns einig, dass wir dies noch so gerne gegen einen Holperweg austauschen würden…
Wir erreichen Dale viel früher als erwartet und fahren – immer nach einem zeltkompatiblen Platz ausschauhaltend – weiter. Die Route biegt bald von der Hauptstrasse ab und wir fahren auf einer verlassenen, wunderschönen Fjordstrasse norwegisch flach weiter. Auf der Karte sieht es so aus, wie wenn es beim Fjordende etwas flacher und somit das Zeltaufbauen möglich sein sollte. Kurz bevor wir das Fjordende erreichen – wir haben gerade TiMonTour’s 3000. Kilometer gefahren – schiesst direkt neben der Strasse ein Wasserfall ins Tal. Direkt daneben gibt es eine Grillstelle mit einem Stück Gras, wo unser Zelt hinpasst. Trotz Wassergetöse (das lässt sich ganz schnell ausblenden…) stellen wir unser Zelt hier auf.

Die 3000 km sind geschafft!

Weil der Wasserhahn, den wir uns vom Campingplatz gewohnt sind, fehlt, pumpen wir Wasserfallwasser durch unseren Wasserfilter, um kochen zu können.

Neben dem Wasserfilterersatzteil haben wir im XXL-Sportgeschäft auch einen neuen Reifen für Tinu’s Fahrrad gekauft. Nicht weil er platt war, sondern weil das Profil komplett durch war (die Reifen haben letztes Jahr bereits über 1500 km Schottland hinter sich gebracht…). So montiert Tinu am Morgen den neuen Reifen, bringt aber mit der kleinen Reisepumpe gerade mal 1.6 Bar hinein. Wer schon einmal längere Strecken mit tiefem Reifendruck gefahren ist, kann sich vorstellen, dass die nächsten Kilometer kein Genuss waren. So halten wir beim ersten Haus an (eine Busgarage) und erhalten den Druckluftschlauch in die Hände gedrückt. Perfekt – denken wir. Busse scheinen konsequent mit 1.8 Bar zu fahren. Mehr gibt die Pumpe nämlich nicht her. Es erwartet uns eine Steigung vom Fjordende (0 m) auf über 700 Meter und Tinu möchte mindestens ein wenig mehr Luft im Reifen. Deshalb halten wir beim nächsten Haus wieder an und gleich fährt ein Auto herbei. Wir fragen den Fahrer in Englisch, ob er eine Pumpe habe und er antwortet auf Deutsch er sei vor vier Jahren aus Deutschland hierhergezogen und die Pumpe hole er gleich. Er fragt, wie wir hierhergekommen seien und als wir es ihm erzählen, meint er, wir seien die zweitverrücktesten Radfahrer von denen er gehört habe. Auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, wie wir denn die verrücktesten werden könnten, meint er, er habe in einer TV-Dokumentation einmal einen Fahrradfahrer gesehen, der durch den Schnee in Sibirien gefahren sei… TiMonTour ist sich einig, dass wir mit diesem – durchaus schmeichelhaften – zweiten Platz ganz gut leben können…
Mit vollen Reifen fahren wir durch schönste Landschaft immer aufwärts.

Als uns ein knalltürkisfarbener (wer noch nie von knalltürkis gehört hat: es gibt die Farbe, wir haben’s gesehen!) Porsche mit Deutschem Kennzeichen überholt, lächeln wir über die ungewohnte Farbe. Bei einem schönen Wasserfall steht der Porsche und die beiden Fahrer stehen davor und fotografieren. Wir halten auch an und kommen ins Gespräch. Die beiden mieten beim Fahrradpumpenausleiher eine Ferienwohnung und sie haben bereits von den zweitverrücktesten Velofahrern gehört. Sie sind beeindruckt und erklären, dass sie zurzeit im Angelsport genügend Herausforderung sehen. Wir fahren von der sympathischen Begegnung erfreut weiter und geniessen die Landschaft. Nach einigen Kilometern treffen wir wieder auf den auffälligen Farbtupfer in der Natur und kurz darauf einerseits auf ein Ortsschild, andererseits auf die beiden bisher erfolglosen Porschefahrer-Angler. Wir kommen erneut ins Gespräch und sie beneiden uns, dass wir unser Zmittag nicht erst fangen müssen. Das Ortsschild «Binningebø» erfreut sie ebenso wie uns, nachdem wir ihnen erklärt haben, dass Tinu’s computeraffine Grossmutter und mit über 80 wohl die älteste Blog-Leserin, in Binningen wohnt. (Wir freuen uns nach fast jedem Blogeintrag über einen Whatsapp-Gruss aus dem Baselbiet. An dieser Stelle: Ganz liebe Grüsse aus Norwegen, Grossmami!) Kurzerhand bieten uns die Porschefahrer an, ein Bild mit uns und dem Ortsschild zu machen.

Nach einer Diskussion, ob eine Tour wie unsere in ihrem Alter (20 Jahre älter) möglich wäre (sie finden Nein, weil ihnen in unserem Alter noch nichts weh getan hätte), fahren wir weiter. Als wir Mittagspause machen überholen sie uns wieder und wenig später wir sie noch ein letztes Mal. Welch ein freundlicher Austausch! Und wir geben zu, dass wir mit dieser Begegnung unsere Vorurteile gegenüber Porschefahrern ziemlich deutlich vor Augen gehalten bekamen.
Wir fahren weiter den Berg hoch und erreichen die Passhöhe. Welch traumhafte Landschaft!
Nach etwas Fotoshooting nehmen wir die Abfahrt unter die Räder.

Kurz bevor wir wieder am Fjord sind, erreichen wir den Camping in Evanger. Eigentlich wollten wir bis Voss durchziehen, aber der Camping gefällt uns so gut, dass wir kurzfristig entscheiden, dort zu bleiben. Wir werden die Entscheidung nicht bereuen. Denn wieder einmal durften wir eine spannende und inspirierende Begegnung erleben…
So steigen wir vom Fahrrad. Die über 1000 Höhenmeter spüren wir in jedem Muskel, was uns schmunzelnd an die Porschefahrer denken lässt…

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Norwegen

22. – 25. August – Stavanger – Bergen oder warum man in Norwegen im Paris italienisch essen kann

Nach der eindrücklichen Etappe gestern und dem herzlichen Empfang im Stavanger Bed and Breakfast wollen wir es heute ein wenig ruhiger angehen und die Stadt, die uns sofort gefällt, etwas näher unter die Lupe nehmen.
Dafür laden wir uns einen virtuellen Reiseführer runter und gehen ausgerüstet mit Ohrstöpseln durch die Gassen. Stavanger ist eine Stadt, von der wir beide vorher noch nie etwas gehört haben und wir können entsprechend vorurteilslos drauflosgehen. Wir entdecken eine Stadt, die viel Kultur beherbergt (Streetart, Klassik…), eine Stadt, die multikulturell ist, in der sogar wir mehrere Optionen haben, um essen zu gehen und eine Stadt, in der der norwegische Öl-Boom seinen Start fand.
Einen weiteren tollen Eindruck erhalten wir beim Spazieren durch die wunderschöne Holzhäuseraltstadt.

Etwas Mühe bereitet es uns, herauszufinden wie es am nächsten Tag weiter gehen soll: Die nationale Fahrradroute 1 geht mit der Fähre weiter. Diese Fähre wurde aber Ende 2019 durch einen (weiteren von über 1000) Tunnel ersetzt und sie fährt nicht mehr. Da kann uns nicht einmal die Hausherrin unseres BnB weiterhelfen, die anderen Reisenden die Fahrzeitauskünfte der Busse und Fähren aus dem Kopf gibt. Wir recherchieren und finden ein Schnellboot von Stavanger nach Nedstrand, wo die Route ebenfalls vorbeiführt. Glück gehabt! Andernfalls hätten wir wohl bei einem Buschauffeur „Bittibätti“ machen müssen, dass er uns mit allem was dazugehört mitfahren lässt (die Aussagen darüber, ob Fahrräder im Bus erlaubt sind oder nicht, gehen auseinander…).
Von Nedstrand geht die Route «norwegisch flach» (höchster Punkt 70 M.ü.M. und trotzdem über 700 Höhemeter auf 50 km…) weiter durch schöne Natur mit viel Wald und wenig Verkehr. Am Abend (das Schiff fuhr um 12:30 ab Stavanger und wir hatten 54 km zu fahren) erreichen wir Haugesund, wo wir auf dem Camping «den Stellplatz mit der besten Aussicht auf das Meer» erhalten. (Etwas erstaunt waren wir schon, weil der Campervan vor uns auch schon genau diesen Platz erhalten hat…). Dass das Beste auch seinen Preis hat, merken wir, als der Rezeptionsmensch diesen nennt: wir bezahlen mehr als das dreifache als auf anderen Campings in Norwegen. Aber: Die Aussicht war wirklich gut!

Den nächsten Tag starteten wir mit einer kleinen Challenge: wir haben gut 25 km bis zur Fähre und diese fährt alle 60 Minuten. Weil wir noch nichts zu Essen haben, planen wir die 11:30-Fähre zu erwischen. Weil der Regen uns beim Zeltzusammenbau mal wieder einen Strich durch die Rechnung macht, bleiben uns dafür 1,5 Stunden. Zu Beginn sind wir uns nicht ganz einig, ob überhaupt eine Chance besteht und deshalb öffnet sich zwischen uns bald einmal eine Lücke, bis wir entscheiden, dass es nicht reicht. So fahren wir im Geniesser*innentempo weiter und merken plötzlich, dass es doch noch reichen könnte. Um 11:24 sind wir bei der Fähre und rollen direkt drauf. Und gleich nach der 20-minütigen Überfahrt gibt es eine Einkaufs- und eine tolle Essgelegenheit. Über eindrückliche Brücken fahren wir von Insel zu Insel und landen schliesslich in Leirvik.

Der Campingplatz befindet sich etwas abseits des Zentrums auf einer Art Halbinsel. Um dort hinzukommen, dürfen wir noch einmal eine ultrasteile Strasse hoch und auf der anderen Seite wieder runter fahren. Mit erneut über 1000 Höhenmetern in den Beinen, freuen wir uns nicht besonders über diese abschliessenden und nicht einkalkulierten Steigungsprozente. Dass uns da auch noch eine alte Klapperkiste so kriminell überholen muss, dass der Gegenverkehr abrupt bremsen muss, um eine Frontalkollision zu vermieden oder uns in Gefahr zu bringen, nervt uns noch einmal mehr! Beide TiMonTours tun ihre Stimmung mit eindeutigen Handzeichen (Hand- nicht Fingerzeichen…) kund. Der Klapperkistenfahrer sieht dies und zeigt uns, ebenfalls mit Handzeichen und ähnlich eindeutig, dass er mit unserer Situationsanalyse nicht einverstanden ist. Glücklich, dass ausser Ärger nichts passiert ist und froh über die baldige Ankunft, nehmen wir die letzten Meter unter die Räder. Beim Camping angekommen, treffen wir auf einen sehr kühlen Empfang. Man könnte fast meinen, der Platzwart sei über unsere Ankunft nicht besonders erfreut (was überraschend ist, denn es gibt kaum andere Gäste auf dem Camping und da dürfte er sich eigentlich über die 150 Kronen freuen…). Die Erklärung für den speziellen Empfang steht bei der Rezeption um die Ecke: Auf dem Parkplatz steht DIE Klapperkiste und der Rezeptionist war der Klapperkistenfahrer mit der sich von der unseren unterscheidenden Strassenregelauffassung. Nach der leichten Verunsicherung (wollen wir HIER bleiben?) beginnen wir über die Situation zu lachen und freuen uns bereits auf den Blogeintrag darüber.

Am nächsten Tag wollen wir Bergen erreichen. Das einzige was uns klar ist, ist dass dafür mindestens eine Fährüberfahrt nötig ist. Die restlichen Möglichkeiten gehen aber deutlich auseinander: Kurze Strecke und Agglo umfahren dafür viel bezahlen für das Schnellboot direkt in die Stadt? Sehr flexible Fähre (alle 20 Minuten) und dafür über einen «hohen» (240 m.ü.M.) Berg und durch die Agglo oder gleich den ganzen Weg mit dem Boot zurücklegen? Die letzte Möglichkeit schliessen wir trotz einseitiger Regen- und Höhemetermüdigkeit aus. Wir sagen, wenn es auf die 12:50-Fähre reicht, fahren wir mit dem Schiff von der nächsten Insel direkt bis ins Zentrum. Sollte es aber nicht reichen, warten wir nicht bis am Abend auf das nächste Schiff nach Bergen, sondern nehmen von demselben Ort die flexiblere Fähre. Wir fahren also los und erreichen den Fährhof (sagt man einem Ort, wo viele Fähren fahren analog zum Bahnhof wirklich Fährhof? Wir wissen es nicht, gehen aber davon aus, dass der Leser oder die Leserin dieses Textes, weiss was damit gemeint sein soll… Anm. der Gegenleserin: sie würde diesen Hof eher Hafen nennen…) um 12:44. Kurzfristig entscheiden wir uns, doch die Alle-20-Minuten-Fähre zu nehmen und bis in die Stadt rein zu fahren. Vor lauter Faszination über das Fährtreiben am Fährhof lassen wir eine Fähre ziehen und nehmen die nächste, die ihre 45-minütige Überfahrt sekundengenau beginnt. Wir sind gleich noch einmal beeindruckt und machen uns auf den Weg nach einem Ticketschalter (etwas, das wir bei zwei vorherigen Fähren auch schon erfolglos getan haben…). Wieder finden wir nichts. Weitere 45 Minuten des Schwarzfahreringefühls sind uns dann aber doch zu viel. Wir fragen im Bistro nach. Unser Gesicht, als die Dame dort sagt, es sei gratis, scheint sie aber zu verunsichern und sie fragt beim Captain nach: Ja, Fahrradfahrer sind inklusive ihrer fahrbaren Untersätzen gratis und das auf den meisten Autofähren. Wir finden das eine schlaue Verwendung der (so sagen uns alle) sehr hohen Steuern und kaufen uns zur Feier des Tages einen norwegischen Kaffee (dazu später…) und ein Schoggimuffin.
Der Rest der Etappe ist schneller erzählt als gefahren: Der 240m-Pass fährt sich leichter als erwartet und durch die Agglo von Bergen führt ein perfekter Velohighway (noch mehr schlaue Ideen, wie man sinnvoll mit Steuereinnahmen umgehen kann). Wir erreichen unser Hotel «Citybox» problemlos und checken in das Smarthotel (= der Gast macht vom Check-in über das Frühstück und den Check-out alles selber) ein. Das Problem, dass auf dem ausgedruckten Blatt eine andere Zimmernummer steht als der Check-in-Computer uns mitteilt, lässt sich leicht lösen (der Vor-uns-Check-in-Benutzer hat sein Blatt vergessen und wir haben dieses gefunden). Die Frage, wo wir unsere Fahrräder parken können, kann uns keine Maschine mitteilen, da braucht es Menschen. Tatsächlich finden wir nach kurzer Suche «so jemanden» und werden in den 5. Stock auf die Plattform der Nottreppe geführt. Ein guter Platz für unser Wichtigstes!
Wir fahren unsere Velos über den Teppich direkt vor unsere Zimmertüre, um das Gepäck zu verstauen und anschliessend mit dem Lift in den 5. Stock.
Nach der wohltuenden Dusche machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Monika hat auf Tripadvisor vorsondiert und ist auf ein kleines Restaurant mit italienisch-norwegischer Karte gestossen. Wir gehen rein und werden zurückhaltend-freundlich vom Chef de Service empfangen. Wir bestellen bei ihm unsere Getränke, die er gleich selber vorbereitet. Nachdem wir auch das Essen bestellt haben, geht er in die Küche und bereitet auch unser Essen gleich selber zu. Dazwischen plaudert er ein wenig mit uns und freut sich so sehr, dass er mit uns Französisch sprechen kann, dass er uns gleich noch ein (natürlich selbst zubereitetes) Dessert spendiert. Als wir dazu Kaffee bestellen, erklärt er uns entschuldigend, dass er nur norwegischen Kaffee habe und keinen «richtigen». (Wenn wir norwegischen Kaffee nachkochen müssten, würden wir einen dünnen Filterkaffee kochen und diesen dann noch einmal verdünnen… Es lebe unsere Bialetti!). Er erzählt uns, dass er vor über 20 Jahren aus Paris eingewandert ist und nun in Bergen lebt. Als Omage an seine Herkunft und mit Anspielung auf die italienischen Gerichte, heisst sein Restaurant nun «Bella Paris»…

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Norwegen

18. – 21. August – Lunde – Stavanger oder eine Schlafbox und viiiel Regen

Vielleicht ist den aufmerksam Lesenden aufgefallen, dass unserem letzten Titel im Text nur halbwegs Rechnung getragen wurde. Irgendwas war doch da, mit Halbzeit vorbei. Wir holen dies nun nach. Auf unserer mässig erfolgreichen Pilz- und Beerensuche in Lunde haben wir uns nämlich zum ersten Mal ernsthaft darüber unterhalten, wann und wie genau wir denn zurückreisen wollen. Dank Corona und gewissen Einreise- / Quarantäneregeln wird dies vermutlich nicht so spontan möglich sein, wie unsere bisherige Planung. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema… Wir haben nämlich festgestellt, dass bereits die Hälfte unserer Reise vorbei ist. Sechs Länder haben wir mittlerweile besucht, zum Teil sind wir mehr hindurchgerast. Dies ist in Norwegen eher schwieriger und wir haben in den nächsten Wochen noch viel Zeit, in gemächlicherem Tempo die eindrückliche Landschaft zu geniessen.

Traumlandschaft in Norwegen

Nun aber zum eigentlichen Thema dieses Beitrags. Am Dienstag schwingen wir uns nach drei ruhigeren Tagen wieder auf die Sättel. Zu Beginn recht gemütlich dem Ufer des Telemarkkanals entlang, mit vielen Richtungswechseln, um die ganzen Einbuchtungen herum. Am Nachmittag verlassen wir den Kanal für eine Weile. Es geht in die Höhe – auf ganze 380 M.ü.M. 😀 Dafür erwartet uns zum Schluss eine tolle Abfahrt, etwas, das wir in Deutschland und Dänemark vermisst haben. Die Bremsen halten noch und so landen wir unbeschadet bei unserem speziellen Nachtlager. In einem alten Bootshaus – wiederum am Telemarkkanal – wurde kurzerhand eine Holzbox mit vier einfachen Betten hineinmontiert, die relativ günstig gebucht werden können. Da sich das Bootshaus in Bandaksli befindet, taufen wir das Gebilde Bandaksli-Böxli.

Bandaksli-Böxli

Es gibt sogar Tisch und Stühle und so packen wir nach dem Kochen unsere Spielesammlung aus und spielen im Bootshaus bis sogar unsere Solarlampe nicht mehr genug Licht spenden mag.

Am Mittwoch wird das Tempo gezwungenermassen noch einmal etwas gedrosselt. Kaum vorstellbar, aber nach ca. vier Wochen erreichen wir heute erstmals wieder mehr als 800 M.ü.M und das Höhenprofil bei Komoot zeigt nicht mehr durchwegs grün (=wenig Steigung) an. Wir freuen uns auf diese „Bergetappe“. Ein steiler Anstieg vor dem Mittag, „norwegisch flach“ (unser Name für Strecken, die zwar im Höheprofil bei der Planung harmlos aussehen, schlussendlich aber nie wirklich flach sind, nur die Steigungen sind kürzer) zwischen 640 und 830 M.ü.M. am Nachmittag und zum Schluss eine rasante Abfahrt auf den Flateland Camping. Dieser und ähnliche Namen seien in der Gegend in den Tälern ziemlich üblich. Der Campingplatzbesitzer interessiert sich für unsere Reise, verkauft uns Geisskäse, den seine Frau gemacht hat und in seinem Campingshop finden wir mehr økologisk Lebensmittel als in manchem Supermarkt. Da die Hauptsaison vorbei ist, hat es fast keine Leute mehr und der Campingplatzchef meint: „Es dürfen ja eh fast nur noch die deutschen Touristen rein.“ Kurz, wir haben mal wieder einen tollen Platz gefunden. Gerade als wir all unsere Kochutensilien auf einem Tisch bereitgestellt haben und 200m weiter vorne Wasser holen, überrascht uns ein Platzregen. Trotz Spurt können wir unsere Sachen nur noch nass ins Zelt retten. Wir lassen den Regen vorüberziehen und schaffen es in einer Regenpause draussen zu kochen und zu essen. Andere haben weniger Glück und kochen später unter dem Regenschirm.

Lustiger Name für einen Campingplatz nach einer Etappe mit über 1200 Höhenmeter…

In der Nacht gibt’s noch ein paar Schauer, aber wir starten trocken in den Donnerstag. Der Tag beginnt auch auf dem Velo gemütlich. Gut 20km „rasen“ wir (weil abwärts und mit Rückenwind) ins verlassene Touristendorf Valle. Hier füllen wir unseren Proviant und machen uns an die nächsten 20km, in denen wir in dreimal so viel Zeit wieder eine ganze Menge Höhenmeter sammeln. Zur Mittagszeit finden wir einen interessanten Platz. Auf 1000 M.ü.M. reiht sich Garage an Garage – über 100 Stück. Wir finden heraus, dass in jeder Garage genau ein Schneetöff gelagert wird, die im Winter hier gemietet werden können. In einem Holzhäuschen entdecken wir zwei Stühle und geniessen umgeben von Garagen und Schafen unser Mittagessen.
Kurz vor der Abfahrt heisst es dann Regenkleider anziehen. Auf der nassen Strasse können wir die steile Abfahrt nicht wirklich geniessen und sind froh, als wir unten sind. Triefend nass klingeln wir beim Campingplatz. Ein junger Mann öffnet die Tür zu einer Rezeption, die eher wie ein Wohnzimmer aussieht. Zu gerne würden wir es uns vor dem Fernseher auf dem Sofa gemütlich machen. Aber nein, wir suchen uns auf dem Feld eine Fläche ohne 10cm tiefen See und bauen im grössten Regen unser Zelt auf. Eine halbe Stunde später hört der Regen dann auf… Unsere Suche nach einem Tisch zum Kochen bleibt erfolglos. Der junge Wohnzimmerrezeptionist meint, er und sein Bruder hätten den Campingplatz erst übernommen und es sei noch ganz vieles in Planung. Er zeigt uns einen Tisch in ihrem Garten, den wir brauchen dürfen.
Am Freitag steht uns die Königsetappe bevor. Der Regen hält sich zurück, bis zum Zeitpunkt, als wir unser Zelt zusammenpacken wollen und so schleppen wir im Zeltsack noch einiges an Zusatzgewicht in Form von Wasser mit. Trotz Regen geniessen wir die wundervolle Landschaft oben in den Bergen.

Allerdings bleibt es nicht nur beim Regen. Plötzlich – wir sind fast am höchsten Punkt auf ca. 930 M.ü.M. – blitzt es und es sind ganz in der Nähe Donner zu hören. Dieses Grollen weckt neue Kräfte in Tinu, noch nie hat ihn jemand so schnell den Berg hoch pedalen sehen. Ein Unterstand ist weit und breit nicht zu sehen und so fahren wir ohne grössere Pause bis zum Restaurant Øygardstølen. Dieses Restaurant ist Ausgangspunkt für die Wanderung zum berühmten Kjeragbolten. Das Wetter nimmt uns die Entscheidung ab, diesen zwischen zwei Felsen eingeklemmten Stein zu besuchen oder nicht. Der Parkplatzwärter fragt trotzdem, ob wir wandern gehen. Sein Kommentar auf unsere ablehnende Antwort: „Smart!“. Er will wissen, woher wir sind und wie wir später feststellen, sind wir bei den Mitarbeitenden wohl Thema des Tages. Das Øygardstølen ist direkt am Felsrand gebaut. Von hier geht es 640m senkrecht hinunter zum Lysefjord.

Das Restaurant – von unten gesehen

Auch auf der anderen Seite ist dieser Fjord von einer ähnlichen Felswand umgeben. Uns bleibt deshalb nur die Fähre und noch gaaanz viel Zeit, bevor diese fährt. Wir machen es uns im Restaurant gemütlich, lassen unsere Kleider trocknen und beobachten das wechselhafte Wetter. Regen, Sonnenschein, Regenbogen, (Sturm-)Windböen… Die 640 Höhenmeter hinunter zum Lysefjord erwarten uns auf einer Strecke mit insgesamt 27 Kurven – inkl. Kehrtunnel.

Die ersten paar der 27 Kurven
Kurvendschungel…

Diese tolle Abfahrt möchten wir nicht unbedingt im Regen fahren. Als wir uns entscheiden aufzubrechen, meint ein Typ am Nebentisch, wir sollen noch eine Weile warten. Er hat recht, es schüttet und windet noch einmal so richtig. Schlussendlich fahren wir zwar trocken, aber leider nicht allzu rasant auf Meereshöhe hinunter. Die Fahrt durch den Lysefjord ist einmal mehr etwas, das Norwegen auf unserer Lieblingsländerskala nach vorne rutschen lässt.

Unsere Fähre durch den Lysefjord
Auch sie haben eine Pause verdient!

Leider fährt die Fähre heute nur bis Larvik, deshalb erwarten uns noch einmal 40km auf dem Rad bis Stavanger. Wir müssen ziemlich in die Pedale treten, da wir vor 20.00 Uhr im B&B in Stavanger ankommen müssen. Wir sind es uns schon gar nicht mehr gewohnt, aber die Strecke ist mehr oder weniger flach und wir schaffen es problemlos (mit Unterstützung des Windes) zeitig nach Stavanger. Die Rezeptionistin ist ziemlich gesprächig und wir erfahren diverse Interna zum Umgang mit dem Coronavirus und Gästen, die nicht mit Karte bezahlen wollen. Einen Fahrradplatz gibt es beim B&B nicht, wir dürfen aber unsere Räder ins alte Büro stellen, das brauche sowieso niemand mehr. Dank guten Restauranttipps unserer Rezeptionistin finden wir nach diesem langen, abwechslungsreichen und äusserst eindrucksvollen Tag sogar innert kürzester Zeit ein tolles Restaurant.

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Norwegen

11. bis 17. August – Oslo – Lunde oder Halbzeit vorbei und wir widmen uns neuen Sportarten

In Oslo angekommen, die Polizeikontrolle problemlos passiert, widmen wir uns erneut der Suche nach einem Velogeschäft. Wir finden die Bike Brothers und machen uns auf gut Glück auf den Weg zu ihrem Geschäft. Noch vor Ladenöffnungszeit werden wir sehr freundlich bedient und siehe da, wir sind für einmal am richtigen Ort gelandet. Der Rohloffmech gibt sich nicht allzu optimistisch, hat aber bereits einige Ideen auf Lager, die uns weiterhelfen könnten, wenn er das Problem nicht lösen kann. Wir lassen unsere Räder samt Gepäck im Geschäft und machen uns auf eine weitere Stadtbesichtigung. Wir besuchen unter anderem die berühmte Sprungschanze am Holmenkollen und beobachten die Langläufer*innen beim Sommertraining.

Am späteren Nachmittag können wir unsere Velos abholen. Das gerissene Lichtkabel ist geflickt und die Rohloff frei von Öl. Der Mech meint, es sei beinahe das komplette Öl ausgelaufen. Grund dafür seien Schrauben seien, die nicht richtig angezogen waren. Er bleibt aber vorsichtig und will lieber nicht versprechen, dass das Problem gelöst ist. Wir sind aber zuversichtlich und vor allem froh, dass uns so effizient und unkompliziert geholfen wurde.
Nun machen wir uns seit gefühlter Ewigkeit wieder einmal an einen kurzen Aufstieg auf den Ekeberg, wo wir unser Zelt zum ersten Mal auf norwegischem Boden aufschlagen.
Am Mittwoch freuen wir uns darauf, wieder ein paar Höhenmeter mehr zurück zu legen. Landschaftlich mag und die Strecke von Oslo nach Moss noch nicht so überzeugen. In Moss nehmen wir die Fähre (gratis für zu Fuss und mit dem Velo!) nach Horten. Die Strecke bis Skallevold führt nun mehr durch Wälder und entschädigt so einiges der anstrengenden Agglomeration auf der anderen Seite des Oslofjords. Hier schlagen wir unser Zelt auf. Die Coronamassnahmen der Platzwartin: Kugelschreiber und Duschchips werden vor der Übergabe desinfiziert und eine Wäscheklammer hilft ihr, die Tasten auf dem Kartenlesegerät ohne Berührung zu drücken. Nachdem sie uns den Campingplatz ausführlich gezeigt hat, zählt der kritischere Teil von TiMonTour die Berührungspunkte auf, die wohl keine Coronafalle darstellen, da die Berührung wäscheklammerlos erfolgte. Da wir bis jetzt noch nie auf einem Campingplatz einen Backofen zur Verfügung hatten und zu faul zum Einkaufen sind, besorgen wir uns bei der netten Campingplatzfrau zwei Tiefkühlpizzas, vom anscheinend besten Tiefkühlpizzahersteller Norwegens. Naja… (Ok, ein guter Tiefkühlpizzahersteller ist wohl auch ein Wiederspruch in sich…) Dafür gibt’s hier endlich ein Bad im Meer. Wie immer ist jemand von uns ganz schnell im Wasser, während sich die andere Person ziert und 1000 Ausreden erfindet, warum MANN nicht schneller ins Wasser springen kann.
Am Donnerstag finden wir nach einer kurzen Etappe einen Campingplatz auf einer Insel. Obwohl wir noch in relativ dicht besiedeltem Gebiet sind, beeindruckt uns die Landschaft bereits sehr.

Die Freitagsetappe führt uns lange Zeit der Küste entlang. Obwohl wir uns auf der nationalen Veloroute Nr. 1 befinden, fahren wir grösstenteils auf der Autostrasse.
Um unsere Sitzflächen ein bisschen zu schonen, beschliessen wir am Samstag einen Stopp im Fritidspark in Skien zu machen und uns für einmal etwas anderen Sportarten zu widmen. Der Minigolfcrack möchte gerne Minigolfen, dass die Bahn an der prallen Sonne steht, führt dazu, dass wir uns für Discgolf entscheiden. Ein Frisbee wird – wie beim Minigolf – über eine bestimmte Strecke in einen Zielkorb geworfen. Von Treffsicherheit kann bei uns keine Rede sein, der Spassfaktor steht klar im Vordergrund.
Von Skien bis Dalen (also eigentlich umgekehrt) befindet sich der Telemarkkanal. Dank Wikipedia und weiteren informativen Seite wissen wir, dass dieser 105km lange, mittels 18 Schleusenstufen 72 Höhenmeter bewältigende Kanal zu seiner Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts als das achte Weltwunder bezeichnet worden ist. Am Sonntag verladen wir unsere Räder deshalb aufs Schiff und lassen uns bei nebligem Wetter durch den Kanal fahren. Bis auf die erste Schleuse, werden alle noch von Hand bedient. Am imposantesten ist eine fünffach Schleuse, mit der ganze 23 Höhenmeter überwunden werden. Wir sind fasziniert, dass ein solches Konstrukt vor weit mehr als 100 Jahren erbaut worden ist.

Da gehts hoch!

In Lunde verlassen wir das Schiff und nisten uns für zwei Nächte auf dem Campingplatz ein. Bevor wir unser Zelt aufstellen können, müssen wir noch die Hinterlassenschaft eines uns unbekannten Tieres entfernen. Immer noch auf der Suche nach alternativen Sportarten mieten wir uns ein Kanu und wagen uns noch einmal auf den Kanal.

Als wir einen Seitenarm des Kanals hochfahren (man hat uns dort einen schönen Badeplatz versprochen), begegnen wir einer Schwanenfamilie, die uns nicht ganz wohlgesinnt ist. Zudem sind wir jetzt ziemlich sicher, welches Tier sich auf dem Zeltplatz erleichtert hat. Die Schwäne machen sich fauchend davon und mit dem Bad klappt es doch noch.

Flügel hochgestellt: „Ich mag dich nicht!“

Auf der Rückfahrt witzeln wir, ob uns die Schwäne wohl beim Zelt erwarten werden. Und tatsächlich tun sie das! Ein belgisches Paar meint scherzhaft, sie hätten unser Zelt vor der Schwanenfamilie verteidigt (tatsächlich haben sie sich erneut ein Plätzchen einige Meter neben unserem Zelt gesucht, dass sie als Schwanentoilette benützen) und so kommen wir ins Gespräch. Relativ schnell erklären sie, dass sie bereits in Norwegen waren, als Belgien auf die rote Liste kam. Wir lachen, denn auch wir haben immer das Gefühl, uns rechtfertigen zu müssen.
Am Montag ist unser Ziel klar: Auf einer Wanderung genug Pilze fürs Nachtessen sammeln. Die Suche gestaltet sich relativ erfolglos und auch die Beeren hätten wir besser beim Aufstieg gepflückt. Beim Abstieg erwarten uns nämlich nur noch leere Sträucher. Als wir nicht mehr ganz so motiviert und sehr durstig beschliessen, aufzugeben, kann es Monika nicht lassen und kraxelt noch einmal den Hang hinauf. Und tatsächlich verstecken sich da noch ein paar Eierschwämme. Fürs Pilzrisotto reicht es zwar nicht, aber eine feine Sauce gibt es dennoch.

Immerhin!