Es ist nicht so, dass wir uns auf die Fahrt durch Schweden nach Göteborg freuen wie auf ein Highlight in Norwegen. Eigentlich haben wir wenig Vorstellungen, auf was wir uns einlassen. Wir merken nur, dass es allmählich kalt (in der Nacht auch mal 2°C…) wird und sehen im Wetterbericht unbeständiges Wetter für die nächsten Tage. Trotzdem verwerfen wir die Option Fähre von Oslo nach Kiel und fahren los. Das Navi führt uns kreuz und quer durch die Stadt bis wir irgendeinmal bei einer Veloroute einfädeln, der wir ein gutes Stück folgen. Der erste Teil der Strecke ist von Industrie geprägt und entsprechend ist es mehr ein Kilometerfressen als ein landschaftlicher Genuss. Erst nach Bjørkelangen treffen wir auf eine wunderschöne Waldstrasse, die uns fast bis zum als Tagesziel auserkorenen Camping bringt.

Dort angekommen finden wir eine leere Rezeption vor. Das ist nicht ungewöhnlich, deshalb rufen wir die angeschriebene Nummer an und erklären unsere Situation. Nachdem wir drei mal bestätigt haben, dass wir wirklich mit dem Zelt da seien, sagt der Campingwart, er «komme runter». Es dauert ein paar Minuten, da kommt ein Auto die Schotterstrasse zum Camping heruntergerast. Er inspiziert uns und vor allem unsere Fahrräder ziemlich genau und sagt dann «follow me!». Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, weil der Campingplatz sehr weitläufig ist und er die Geschwindigkeit von der Zufahrt zum Platz auch innerhalb der Schranken beibehält. Tinu nimmt die Verfolgung auf und es gelingt ihm den Abstand mindestens auf Sichtdistanz zu halten. Als das Auto hält und wir eine gefühlte Ewigkeit später aufgeholt haben, stehen wir auf einer Wiese am Ufer eines schönen Sees! Einen tollen Platz haben wir erhalten! Mit Karte bezahlen geht nicht. Wir geben ihm unser letztes norwegisches Bargeld (was eigentlich zu wenig ist, «ist aber egal, die Saison ist eh durch.») und alle sind zufrieden.


Am nächsten Morgen starten wir Richtung Schweden. Wir haben uns eine Route über die Grenze abseits der grossen Strassen ausgesucht und sind gespannt, wie wir in das für uns beide neue Land kommen. Zu Beginn fahren wir auf einer Teerstrasse immer ansteigend durch einen wunderschönen Wald. Die erste mögliche Abzweigung (eine vermeintliche Abkürzung) geben wir nach 50 Metern auf: im Schotter schwimmen wir mehr hin und her als das wir vorwärts kommen. So hoffen wir auf die etwas weniger kurze Alternative zum selben Grenzpunkt. Auch diese Strasse ist geschottert aber ganz gut zu fahren. Weiterhin fahren wir durch schöne Wälder und die «Achtung Elch»-Schilder lassen uns mehr auf eine Begegnung hoffen als dass wir angst haben vor einer Kollision. Nach einigen Kilometern erreichen wir die Grenze. Ein Willkommen-in-Schweden-Schild, mehr nicht. Keine COVID-Kontrolle, kein*e Grenzbeamte*r. Einige Tage später werden wir von einem Schweden erfahren, dass wir die sogenannte «alte Schmugglerroute» gefahren sind. Wir geniessen unsere ersten Schweden-Kilometer durch schöne Landschaft.

Die Etappe zieht sich hin und das Wetter wird von wunderschön zu grau-windig und einige Kilometer vor dem Ziel beginnt es stark zu regnen. Parallel zur Wetterkurve verläuft die Motivation bei Tinu. Vor dem Camping (wir haben uns mehrfach versichert und alle Quellen sagten aus, dass er geöffnet sei) fahren wir auf einer grosse Strasse. Der Verkehr nervt! Der Regen nervt! Schweden nervt! Es lebe die Oslo-Kiel-Fähre! Stimmungstiefpunkt. Noch nicht: Wir kommen beim Camping an. Kein Mensch weit und breit! Nach einer Weile kommt ein Golfwagen mit einer Frau, die auf uns zu kommt. Sie spricht kein Englisch, wir kein Schwedisch. Wir machen klar, dass wir Zelten wollen. Sie macht uns klar, dass der Camping für Zelte geschlossen sei. Wir zeigen auf den Tarifplan an der Tür, auf dem es bis Ende September Tarife für Zelte gibt. Sie ist ähnlich ratlos wie wir. Glücklich sehen wir einem zweiten Golfwagen entgegen, der auf uns zu fährt. Aber auch dieser Fahrer gehört zum Bewirtschaftungspersonal. Und auch er spricht kein Englisch. Die beiden machen uns klar, dass die Rezeption geschlossen und der Manager weit weg ist, der zweite Golfwagenfahrer telefoniert aber mit ihm. Der Manager lässt ausrichten, dass wir für 200 schwedische Kronen unser Zelt aufstellen können. Zudem brauchen wir 10-Kronen-Stücke, um zu duschen. Wir machen ihnen klar, dass wir kein Bargeld haben. Nun sind vier Personen ratlos. Wir ziehen uns zurück. Der nächste Geldautomat ist etwa 8 Kilometer entfernt und es regnet nach wie vor stark. Der Fahrer des zweiten Golfwagens kommt auf uns zu und sagt, wir sollen unser Zelt einfach aufstellen und nichts bezahlen, für das Duschen müssen wir aber Münzen auftreiben. Wir sind sicher, dass er damit gegen die Anweisung des Managers handelt und sind ihm sehr dankbar. Wir bauen unser Zelt auf. Es ist immer noch früh am Nachmittag, wir verschwinden im Zelt, hören dem Regen zu und blasen Trübsal. Weil auf der Homepage neben Öffnungszeihen auch etwas von einem geöffneten Shop stand, haben wir nichts eingekauft. Die Notration (Chicken Tikka Masala, gefriergetrocknet und vakuumverpackt) wäre die eine Option. Je 8 Kilometer nach Charlottenberg hin und zurück fahren, die andere. Weil der Regen aufhört, entscheiden wir uns für die zweite. So lässt sich auch das Dusch-Münzen-Problem lösen.
Also schwingen wir uns noch einmal in die Sättel und fahren los. Die Strasse ist stark befahren. Schon nach wenigen Metern überholt uns ein LKW trotz Gegenverkehr. Der Schreck sitzt und das Weiterfahren ist nicht gerade angenehm. Etwas weiter überholt uns ein anderes Fahrzeug sehr knapp, ohne dass dazu irgend ein Anlass gewesen wäre (gute Sicht, kein Gegenverkehr). Nun reicht es uns. Wir lassen unserem Ärger freien Lauf und geben dem Autofahrer oder der Autofahrerin mittels deutlicher Worte und Zeichen zu verstehen, was wir von seiner oder ihrer Fahrweise halten. Es ist im Nachhinein gesehen wohl besser, ist unsere Kommunikation nicht im Auto angekommen…
Als wir am Ziel sind, sind wir nudelfertig und etwas zwischen fasziniert und schockiert über das was wir nun sehen: Ein Einkaufszentrum, wie es in der Schweiz kaum existiert in einem kleinen Dorf, ein riesiger Parkplatz und noch mehr Leute. Google liefert die Erklärung dafür: Das Einkaufszentrum ist auf die Bedürfnisse der benachbarten Norweger*innen ausgelegt. Entsprechend gibt es viel Alkohol (weil massiv billiger als in Norwegen) und keinen Fisch ?weil die Norweger diesen selber haben) zu kaufen. Tatsächlich schleppen viele Besuchende paketweise Bier in ihre Autos mit norwegischen Nummernschildern. Ein Treiben, das uns befremdet. Trotzdem bekommen auch wir, was wir brauchen und machen uns nach einem einmaligen Znacht (einmalig weil wir uns beide nicht erinnern können, wann wir das letzte Mal bei Burger King gegessen haben) auf den Weg zurück der verhassten Strasse entlang zum Campingplatz. Nun scheint der Tagesplaggeist doch etwas Mitleid zu bekommen und wir kommen ohne grosse Schwierigkeiten oder fluchwortwürdigen Szenen zurück zum Camping. Dort setzen wir unsere hart erarbeiteten Münzen ein (Duschen hat kaum je so viel Spass gemacht!) und schlafen innert Kürze ein. Am nächsten Morgen erwachen wir ausgeschlafen. Heute geht die Fahrt zum eigentlichen Grund für die Routenwahl in Schweden: Kullerholmen. Dazu aber später. Zuerst müssen wir überhaupt dorthin kommen und der Weg dorthin führt zwingend über Charlottenberg, wo wir am Vortag widerwillig bereits einmal waren. Es erwartet uns also noch einmal die Strasse mit der wir seit dem Vorabend auf Kriegsfuss stehen. Und tatsächlich kommen die Stimmbänder noch einmal zu Einsatz. Bei Ankunft in Charlottenberg bemerkt Tinu in Norwegenerinnerungen schwelgend, dass – trotz vielen norwegischen Autos – sämtliche Autos oder LKWs, die uns unfreundlich überholten, schwedische Nummernschilder hatten. Nach dem Einkauf für die nächsten paar Tage geht die Fahrt weiter. Die Strasse ist sofort ruhiger und nach kurzer Zeit landschaftlich wunderschön. Viele Wälder und dazwischen immer wieder Seen. Trotz steilen Aufstiegen geniessen wir die Fahrt. Plötzlich mitten im Wald stoppt Monika abrupt: Sie hat ein gelbes Birkenblatt auf dem Waldboden entdeckt – denkt Tinu etwas irritiert. Doch nichts da: Monika hat ein schönes Nest(chen) (die Verniedlichungsform im Klammern wird sich in einem der nächsten Blogeinträge erklären…) mit wunderschönen Eierschwämm(ch)en (dito) gefunden. Ein perfekter Zusatz zu unserem Znacht! Und das obwohl sie perfekt getarnt waren! Hui da hat jemand ein Auge für die Delikatessen!

Kurz darauf erreichen wir den Ängsjön, einer von vielen Seen auf unserer heutigen Etappe und unser Tagesziel – so hoffen wir jedenfalls. Um zu wissen wie es dazu kam, ein kurzer Rückblick: (Gefühlt) lange ist es her, seit wir uns wegen starken Regens entschieden haben einen Tag länger auf dem Camping in einem ausgestorbenen niedersächsischen Dorf zu bleiben. Dabei haben wir den Franko-Leipziger Künstler Florent kennengelernt, der uns den Tipp und den genauen Standort einer einsamen Insel mit gemütlichem Häuschen in Schweden gegeben hat. Und diese Insel ist nun eben auf dem Ängsjön und genau an diesen See fahren wir gerade. Florent meinte, es gebe irgendwo am See ein Ruderboot und dort stehe eine Telefonnummer, die man anrufen könne, um das Häuschen zu reservieren. Also machen wir uns auf die Suche nach einem Boot (davon gibt es an jeder Ecke) und einer Telefonnummer am See, wobei Telefonnummer am See auch für Nadel im Heuhaufen stehen könnte. Wir finden nichts ausser einer Kiste mit Holz auf der Steht «Für Kullerholmen, bitte Transportbehälter zurückbringen». Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass es sich bei Kullerholmen um unser Ziel handelt. So beginnen wir auf gut Glück im Internet zu recherchieren wobei wir auch nach dem Namen Kullerholmen suchen. Tatsächlich stossen wir auf die Homepage des Fischereivereins und dort auf ein Onlinereservierungssystem. Erfreut sehen wir, dass die Hütte heute noch frei ist. Also reservieren wir sie. Die Bedingungen sind einfach: Die Hütte kann gratis für maximal eine Nacht benützt werden. Es muss lediglich ein Fischerpatent für einen Tag gelöst werden. Ein solches kann online mitgelöst werden und kostet 20 Kronen plus 8 Kronen Gebühr (ca. 3 Franken / Euro). So kommen wir also zu unserem ersten Fischerpatent und zu einer Nacht auf «unserer» Insel. Am nächsten Morgen rudern wir zurück an Land und laden das Gepäck wieder vom Boot auf die Fahrräder um. Da merkt Monika, dass sie ein Mail vom Fischereiverein erhalten hat. Wir müssen noch unsere allfälligen Fänge registrieren. Das kann man mittels Onlineformular problemlos machen und dabei sogar angeben, dass man – wie in unserem Fall – nichts gefangen hat. Man muss aber zwingend angeben, wie man es versucht hat. Weil «Zehen ins Wasser und schnell wieder rausziehen, weil es zu kalt ist» keine Option ist, wählt Monika aus den zum Teil skurrilen deutschen Übersetzungen kurzerhand «Fliegenfischen einhändig». Wir sind sicher, dass die Fischereivereinler*innen beeindruckt sein werden!




Als die Fahrräder beladen sind, fahren wir los. Es geht auf einer abgelegenen Schotterstrasse durch schöne Wälder bergab. Traumhaft zu fahren. Und immer wieder werden wir von schönen Seen in ihren Bann gezogen. Spätestens jetzt muss auch Tinu zugeben, dass Schweden doch noch so seinen Reiz haben könnte…

Nach einiger Zeit ruft Tinu «Elch, Elch!». Und Tatsächlich rennen einige Meter vom Weg zwei Elchweibchen (sie hatten jedenfalls kein so imposantes Geweih, waren aber zweifellos Elche) davon. Wir sind von ihrer Grösse beeindruckt und freuen uns über das Naturspektakel.
Noch etwas weiter zweigt die schöne Nebenstrasse in eine etwas grössere und diese noch etwas weiter in eine Nationalstrasse. Dort ist zwar genügend Platz für uns Zweiradfahrende und auch der Verkehr ist ziemlich schwach, die Vorstellung dieser Strasse nun etwa 45 Kilometer bis nach Karlstad zu folgen, reizt dennoch nur wenig. So schauen wir uns auf Komoot nach Alternativen um und finden schöne Nebenstrassen fast ohne Verkehr. So erreichen wir entspannt den Camping in Karlstad, wo wir herzlich begrüsst werden (Monika meinte sogar, die Rezeptionistin habe mit Tinu geflirtet, was dieser allerdings gar nicht bemerkt hat…). Auf einer Karte wird uns die Zeltwiese gezeigt. Es gebe keine Platzzuteilung, wir können unser Zelt einfach auf einer freien Fläche aufstellen. Diese Anweisung überfordert uns. Trotzdem finden wir dann doch noch ein freies Plätzchen:

Wir beschliessen, zwei Tage in Karlstad zu bleiben. So steht am nächsten Tag Waschen und Frisbeegolf an.